Malen nach Zahlen

25. Juli 2006, 14:40
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Der in früheren Zeiten als Gitarrengottheit verehrte britische Musiker Eric Clapton schaute in der Wiener Stadthalle auf ein paar ziemlich lange Soli vorbei

Viele Menschen waren vom Clapton-Konzert begeistert. Einige bekamen deswegen nicht ganz freiwillig den Blues. Immerhin.


Wien – Wo junge Menschen miteinander auf die gute alte Art und Weise musizieren, gibt es immer einen von der Sorte: Gitarre einstöpseln, Lautstärke bis zum Anschlag - und dann zwei Stunden ohne Pause durchnudeln. Ist doch egal, was die anderen machen. Autismus und Autoerotik rocken das Haus! Irrtum, das hat nichts mit Sex im Audi zu tun.

Zum Glück haben das Alter und die Lebenserfahrung (Sex mit anderen Personen?) Eric Clapton längst ein wenig weiser werden lassen. Heute dient er der Gesellschaft und ihrer Befreiung durch Rock ’n’ Roll nicht mehr dadurch, dass er als Sechssaiten-Sisyphus den Rock endlos die Tonleiter hinauf soliert. Worauf der Roll dann wieder ins Tal kullert und sich das Ganze "inspiriertes Spiel eines Genies" nennt.

Wie man es jetzt bei einem ausverkauften Konzert in der Wiener Stadthalle von der Bühne herunterjaulen hören konnte, ist seine Kriegstechnik mit den Jahren sublimer geworden. Der 61-jährige Brite lässt zusätzlich zum eigenen, allerdings keinem weiteren Zweck und Nutzen geschuldeten Tun jenseits des für Gitarristen mit Anstand als eiserner Vorhang geltenden zwölften Bundes auf dem Griffbrett auch gern drei jüngere Leute diesen unerfreulichen Teil der Rockmusik erledigen. Es schaut zwar nicht danach aus, das ist, bitte, Arbeit.

Ab dem Mittelteil jeder hier in Wien gespielten Nummer setzt es jedenfalls Selbstverwirklichung satt. Der sonst bei der den US-Südstaaten-Boogie-Rockern The Allman Brothers Band beschäftigte Derek Trucks an der Slidegitarre, der schon für Roger Waters tätig gewesene Doyle Bramhall II und für zwei Songs auch der schon im Vorprogramm bluesende Robert Cray stehen Eric Clapton vor einer mit Key_boards, Background-Chor und Bläsersatz üppig besetzten Begleitband in nichts nach. Und das Nichts nichtet gerade im vom Chicagoblues befeuerten Erwachsenenrock häufiger als anderswo.

Nix gewesen

Gleich im vom 89er-Album Journeyman wiederbelebten Pretending oder So Tired aus der weit gehend von Inspiration befreiten Vorjahresarbeit Back Home zum Start dieses möglicherweise auch deswegen vor bestuhlter Halle ablaufenden Konzerts wird bald deutlich, dass hier zwar absolute Könner ihres Genres am Werk sind. Sprich, die perfekt eingespielte Band läuft wie am Schnürl.

Während die traditionell kleinen, nicht unnötig mit allzu vielen Ideen vollgestellten Lieder Claptons durch den unerbittlichen Kunstgriff des Solos so auf bis zu zehn Minuten pro Einheit aufgeblasen werden, wo man doch schon nach zweieinhalb Minuten mit dem Schwamm drübergehen und "Nix gewesen!" sagen möchte, gerät man aber dann nach einer guten Dreiviertelstunde etwas ins Grübeln. Bisher wurden allerhöchstens sechs Lieder angestimmt. Aber das an Malen nach Zahlen erinnernde Jaulen, Japsen und Heulen der Gitarren möchte man keinem Hund und sich selbst auch nicht zumuten. Warum machen die das?!

Der Mittelteil gibt Aufschluss. Clapton und seine Leute setzen sich mit ihren Akustikgitarren zusammen und spielen sich Lieder wie Nobody Knows You When You’re Down And Out, Running On Faith oder I Am Yours ganz so wie daheim in der Küche bei Mutti vor. Das ist sehr schön. Zumal Clapton im Alter eine angenehm raubeinige Art entwickelt hat, mit seiner limitierten Gesangsstimme umzugehen. Bloß, daheim darf man die elektrische Klampfe nicht so laut aufdrehen. Die Nachbarn und so. Deshalb also immer noch Gastspielreisen. Wegen dem Strom. Ein Mann des Blues sagt: Ich habe für meine Kunst gelitten. Jetzt sind Sie dran. Am Ende winseln wir um Gnade. After Midnight, Layla, Cocaine. Ein Mann muss tun, was er tun muss. (Christian Schachinger/DER STANDARD, Printausgabe, 18.7.2006)

  • Der britische Gitarrist Eric Clapton leidet sich in der Wiener Stadthalle durch diverse Blues-Tonleitern. Er hat für seine Kunst gelitten. Jetzt sind wir dran.
    foto: standard/christian fischer

    Der britische Gitarrist Eric Clapton leidet sich in der Wiener Stadthalle durch diverse Blues-Tonleitern. Er hat für seine Kunst gelitten. Jetzt sind wir dran.

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