Ein Zehntel überlebt, ein Hundertstel wird zur Gefahr

17. Juli 2006, 13:12
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Nicht alle eingeschleppten Tier- und Pflanzenarten können sich im neuen Ökosystem etablieren - einige wenige können aber große Schäden anrichten

Leipzig-Halle - Eingeschleppte Tier- und Pflanzenarten können sich zu teils erheblichen ökologischen Störfaktoren entwickeln: Das deutsche Bundesamt für Naturschutz schätzt den Schaden auf mindestens 100 Mio. Euro pro Jahr in Deutschland allein. Wissenschaftler aus Spanien, Irland, der Tschechischen Republik, der Schweiz und Deutschland stellen dazu ihre aktuellen Ergebnisse und Prognosen innerhalb des Europäischen Wissenschaftsforum ESOF vom 15. bis 19. Juli in München vor. Initiator ist das Umweltforschungszentrum Leipzig-Halle (UFZ).

Tiere und Pflanzen auf "Erfolgskurs"

"Durch die eingeführten Tier- und Pflanzenarten werden die einheimische Arten lokal verdrängt", erklärt Ingolf Kühn vom UFZ. So führen beispielsweise veränderte Stoffflüsse zu einer höheren Stickstoffanreicherung und damit zu einer anderen Zusammensetzung der Pflanzenarten. Dabei wird eine Pflanze meist dominant. Bei den Tieren seien es vor allem der Mink (der größere nordamerikanische Verwandte des europäischen Nerzes) und Flusskrebse aus Nordamerika oder die Zebramuscheln, die einheimische Tierarten verdrängen. Es gibt aber Gebiete, wo die Auswirkung stärker ist, als in anderen, so Kühn.

So stellt der Riesenbärenklau eine Gesundheitsgefährdung für den Menschen dar. Er enthält eine chemische Substanz in den Blätterhaaren, die bei Kontakt auf der menschlichen Haut in Verbindung mit Sonnenlicht Verbrennungen auslöst. Die Ambrosie ist ursprünglich in den USA und Kanada heimisch. Durch den Flug- und Schiffsverkehr, aber auch mit Saatgut und Getreide wurde sie nach Ungarn, Polen, Südfrankreich, der Slowakei und Tschechien eingeschleppt. Über Österreich gelangt sie nun nach Süddeutschland und breitet sich weiter aus. Sie hat ein extrem hohes Allergiepotenzial und blüht sehr spät, erst im August. Damit verschiebe sich die Allergikerzeit noch einmal um vier Wochen nach hinten, erläutert Kühn.

Forschungsprojekte

Lediglich ein Zehntel aller zugewanderten Arten überlebt in ihrem neuen Siedlungsgebiet. Davon bringt ein Zehntel das Ökosystem aus dem Gleichgewicht und verursacht massive Schäden. Ein Beispiel für importierte Pflanzen ist die Mahonie aus dem Nordwesten der USA: Wegen seiner Farbenpracht wurde der immergrüne Strauch schnell bei den Gärtnern in Europa beliebt, doch inzwischen beschränkt sich die Pflanze schon lange nicht mehr nur auf die Gärten, denn Vögel verbreiten den Samen. Dadurch dominiert der Zierstrauch in einigen Teilen Ostdeutschlands bereits die Bodenregion ganzer Wälder und verdrängt dort die einheimischen Beerensträucher.

Importierte Pflanzen wie die Mahonie mutieren zu einer aggressiven Art und verdrängen andere Arten und verändern den Charakter von Landschaften. Die möglichen Ursachen untersuchen Wissenschaftler verschiedener Forschungsprojekte weltweit bereits seit einigen Jahren. Das Projekt GIANT-ALIEN forscht auf den Gebieten der Taxonomie, Genetik, Populationsbiologie und Ökologie. Bei DAISIE werden alle bekannten Invasionsarten in den Ländern Europas erfasst. Dabei werden Informationen zu Ökologie und Verbreitung von invasiven Pflanzen und Tieren gesammelt und über eine Internet-Datenbank allen Interessierten zugänglich gemacht. ALARM befasst sich mit den Bereichen Klimawandel, dem Verlust an Bestäubern wie Bienen, Hummeln und Schmetterlingen, den in der Umwelt vorhandenen Schadstoffen sowie der Invasion gebietsfremder Tier- und Pflanzenarten. An ALARM sind 54 Partner in 26 Ländern beteiligt. (pte)

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