Massenpanik nach neuen Tsunamigerüchten

20. Juli 2006, 17:41
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Hunderte Menschen flohen aus Notquartieren in das Landesinnere - Opferzahl weiter gestiegen - Warnungen wurden nicht weitergegeben

Jakarta/Pangandaran - In der von einem Tsunami schwer verwüsteten Stadt Pangandaran auf der indonesischen Insel Java haben am Mittwoch Gerüchte über eine weitere Riesenwelle, die auf die Stadt zurolle, eine Massenpanik ausgelöst. Mehr als tausend Menschen flohen aus den Notquartieren von der Küste ins Landesinnere, um sich in Sicherheit zu bringen. Polizei und Rettungskräften gelang es zunächst nicht, die Menge zu beruhigen. Wer das Gerücht aufbrachte, war unklar. "Die Leute fingen auf einmal an zu rennen, also habe ich mich ihnen angeschlossen", sagte ein 42-Jähriger der Nachrichtenagentur AP.

Die Zahl der Tsunami-Opfer auf der indonesischen Insel Java ist am Mittwoch auf mindestens 531 gestiegen. Rund 280 weitere Menschen wurden noch vermisst, die Hoffnung auf Überlebende schwand jedoch zusehends. Suchtrupps hätten in den Trümmern der zerstörten Häuser an der Küste zuletzt nur noch Leichen gefunden, teilte die Koordinationsstelle der Regierung für Katastrophenschutz mit. Rund 30.000 Menschen verloren ihr Hab und Gut.

Schwere Fehler

Der indonesische Forschungsminister Kusmayanto Kadiman bemühte sich unterdessen, seine Aussage vom Vortag zu korrigieren, wonach die Regierung Tsunami-Warnungen nicht weitergegeben habe. Der nationale Wetterdienst habe per SMS 400 Regierungsvertreter informiert, und ein Mitarbeiter des Forschungsministeriums habe im Fernsehen vor dem Tsunami gewarnt, sagte Kadiman am Mittwoch dem Radiosender El Shinta. Aus dem Interview ging jedoch nicht eindeutig hervor, ob diese Mitteilungen noch vor dem Aufprall der bis zu zwei Meter hohen Welle auf die Küste erfolgten. Die Regierung selbst hatte 45 Minuten vor dem Tsunami zwei Warnungen erhalten.

Gestern wurde bekannt gegeben, dass entsprechende Warnungen aus Japan und Hawaii etwa 20 Minuten nach dem Beben eingegengen sind, aber dass die Information nicht bekannt gegeben wurden, weil die zuständigen Stellen zu sehr mit der Beobachtung der Nachbeben beschäftigt gewesen seien.

Stärke von 7,7

Nach Angaben der US-Erdbebenwarte hatten die Erdstöße am Montag eine Stärke von 7,7. Das Beben, dessen Epizentrum rund 360 Kilometer südöstlich von Jakarta im Indischen Ozean lag, ereignete sich gegen 15.20 Uhr (10.20 Uhr MESZ). Das Tsunami Warnzentrum im Pazifik löste eine allgemeine Warnung unter anderen für die indonesischen Inseln Java und Sumatra aus. Allerdings erreichte sie nicht die Südwestküste der Insel.

Hilfsorganisationen vor Ort

Unterdessen trafen Mitarbeiter von Hilfsorganisationen aus dem In- und Ausland im Katastrophengebiet ein. Die Vereinten Nationen schickten am Dienstag Helfer in das Katastrophengebiet. In Jakarta traf sich Indonesiens Präsident Susilo Bambang Yudhoyono mit den Leitern der Hilfsmissionen, um zu entscheiden, wie die Provinzen am besten unterstützt werden könnten.

Spendenaufrufe

Zahlreiche Hilfsorganisationen wie die Caritas und das Rote Kreuz riefen zu Spenden auf. Jetzt müsse vor allem den Obdachlosen geholfen werden, sagte Rotkreuz-Sprecher Hadi Kuswoyo. "Ich glaube, Geld ist das Beste. Das setzt die Behörden in die Lage, das Lebensnotwendige zu verteilen." In Japan kündigte das Außenministerium als Sofortmaßnahme Hilfsgüter im Wert von 13 Millionen Yen (88.500 Euro) an. Zelte, Decken, Plastikplanen, Schlafmatten und Wasserfilter würden nach Indonesien geschickt, hieß es in Tokio.

Tote am Strand

Im Touristenort Pangandaran wurden Hotels und andere Gebäude an der Küste von der Wucht der Wellen zerschmettert. Überall in der Stadt hätten Tote am Strand gelegen, berichteten Katastrophenschützer der Regierung. Viele seien Bewohner der kleinen Fischerdörfer in der Umgebung.

Indonesien hat nach der Tsunami-Katastrophe an Weihnachten 2004, die weite Teile der Insel Sumatra verwüstete, mit dem Aufbau eines Frühwarnsystems begonnen. Es steckt aber noch in den Kinderschuhen. Auf Sumatra kamen damals mehr als 130.000 Menschen ums Leben, insgesamt gab es 216.000 Opfer in mehreren Staaten rund um den Indischen Ozean. Java war damals nicht betroffen. (APA/AP/dpa)

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    Menschen aus Pangandarang, West Java, fliehen vor dem Tsunami in höher gelegene Gebiete.

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    Ein zerstörtes Haus am Strand von Pandangaran

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