Einbruch

19. Juli 2006, 11:57
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Sie hätte, sagte B., ihre Wohnung wohl auch von einer dabei musizierenden Blasmusikkapelle ausräumen lassen können: Kein Nachbar sei in Sicht gewesen

Es war am Sonntag. Und weil am Nebentisch am Steg der Segelschultaverne an der Alten Donau einer so laut von seinen Zellenkumpanen erzählte, dass es unmöglich war, nicht zuzuhören (und das Geheimhalten der Knasterfahrungen auch gar nicht im Sinn des Nachbartischredners war), kamen wir dann, als der Ex-Knacki (unschuldig, marginale schwere Körperverletzung an der Ex – aber die hatte ihn erstens provoziert und war zweitens ohne sein Zutun gegen den Türstock gerannt und hatte sich danach kopfüber die Kellertreppe runtergestürzt – aber Frauen sind eben heimtückisch) gegangen war, zur kriminellen Energie von Normalos.

Und nachdem man einander gegenseitig die eigenen Alltagsdelikte (Schwarzfahren, GIS-Boykott, Steuerhinterziehung, Versicherungsbetrug und Zeitungsdiebstahl) gestanden hatte, fuhr B. schwere Geschütze auf: Sie sei, erklärte sie, nicht bloß Werbetexterin, sondern auch Einbrecherin. Seit kurzem doppelt. Also Serientäterin. Und angesichts der Leichtigkeit, mit der man sie gewähren lassen hatte, überlege sie nun ernsthaft, den Job zu wechseln.

Auto-Einbruch

Denn dass sie – wie ihr Freund anmerkte – nur in eigene Liegenschaften eingebrochen sei, sei ein Randaspekt. Wesentlich sei nur, dass sie dabei nie erwischt oder auch nur behelligt worden sei. Aber, tröstete B. ihren Freund, technisch gesehen habe er natürlich recht, juristisch wären ihre Einbrüche nicht (oder höchstens im zweiten Fall) ahndbar: Beim ersten Mal hätte sie ihre eigene Wohnungstür eingetreten. Weil sie ihren Schlüssel verloren hatte, und weder Putzfrau noch beschlüsselte Verwandte telefonisch erreichbar gewesen seien. Und weil sie angetrunken war, erzählt B., habe sie eben um zwei Uhr früh die alte, wackelige, zweiflügelige Tür ihrer Altbauwohnung im dritten Stock eines großen Hauses im neunten Bezirk so lange getreten, bis das Schloss nachgegeben hatte.

Und sich erst am nächsten Tag darüber gewundert, wie oft sie sich – im Gegensatz zu Krimi-Kommissaren – hatte dagegen werfen müssen, wie viel Krach so eine bewummerte Tür machen könne und wie taub ihre Nachbarn sind: Im Haus hatte sich kein Mucks gerührt. Sie hätte, sagte B., ihre Wohnung auch von einer musizierenden Blasmusikkapelle leer räumen lassen können.

Spezialschloss

Der zweite Einbruch, erzählte B., sei dann am helllichten Tag erfolgt. In einer "besseren" Ferienhaussiedlung. Sie hätte sich und ihren neuen Freund aus dem Haus ausgesperrt – und die Eltern waren im Ausland. Da das Haus aber ein Spezialschloss hat, habe ein Schlosser am Telefon erklärt, dass das Öffnen der Tür rund 600 Euro kosten würde. Und vermutlich ein neues Schloss. Ein kaputtes Fenster, so der freundliche Aufsperrer, sei wohl schneller und günstiger – sogar dann, wenn die Haushaltsversicherung es später nicht bezahlen würde.

Also hätte, erzählt B., ihr Freund eine Nebenraum-Scheibe eingeschlagen. Dabei sei - wieso, wisse sie auch nicht – die Alarmanlage losgegangen. Und während sie im Haus den Code eintippen war, sei der junge Mann planlos und mit einer aus dem Gartenschuppen geholten Spitzhacke in der Hand inmitten von Scherben und Lärm gestanden. Da sich kein Nachbar zeigte, sei sie aber davon ausgegangen, dass niemand das Klirren mit nachfolgendem Heulen mitbekommen habe.

Täterfotos

Zwei Wochen später (B. hatte das Fenster vor der Rückkehr der Eltern reparieren lassen) hätten sie ihre Eltern dann angerufen: Gleich mehrere Nachbarn hätten gefragt, ob der Schaden von der Versicherung bezahlt würde – und ob es Einvernahmen geben würde. Man habe am Tattag nämlich einen verdächtigen (weil unbekannten) Wagen vor dem Haus gesehen. Ein unbekannter Mann habe die Scheibe eingeschlagen, sei Schmiere gestanden und wäre dann durch das Fenster geklettert – davon gäbe es sogar Fotos. Der Wagen sei dann die ganze Nacht vor dem Haus gestanden.

Das Verhältnis der Eltern zu den Nachbarn, sagt B., sei seither getrübt. Und seit gestern, Samstagabend, gehe es ihr mit ihren Nachbarn genauso: Sie habe da nämlich (sommerbedingt) bei offenem Hoffenster um eine Spur zu laut ferngesehen. Um halb zwölf Uhr nachts. Prompt sei die das Stiegenhaus beherrschende Pudelbesitzerin von nebenan zeternd vor ihrer Tür gestanden. Hinter zwei (sehr freundlichen) Polizisten. Die hätten die Frau zwar mit Mühe davon überzeugen können, von einer Anzeige abzusehen – aber das, erklärte B., sei eigentlich nicht der Grund, wieso sie die Dame in Zukunft nicht mehr grüßen werde.

  • Von Montag bis Freitag täglich eine Stadtgeschichte
von Thomas Rottenberg

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