Ausgebrannte Ärzte

29. Jänner 2007, 14:45
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Kein Berufsstand ist so stark von Burnout betroffen. Der ehemalige Spitalsarzt Rainer Uhlenhuth und Susanne Herbek, Direktorin der Wiener Krankenanstalten in einer STANDARD-Diskussion

Sind Ärzte in unseren Spitälern heillos überfordert, oder läuft alles nach Plan? Überlastetes Spitalspersonal? Für den Arzt Rainer Uhlenhuth ein gefährlicher Missstand, die Leiterin der Wiener Krankenanstalten hat das Problem im Griff.
Das Gespräch moderierte Regina Philipp.

STANDARD: Laut Studien liegt die Burnout-Rate im Gesundheitswesen zwischen 15 und 30 Prozent. Können Sie das bestätigen?

Uhlenhuth: Ja, Burnout ist eine Folge der immer stärker werdenden Überlastung. Ärzte haben viel Verantwortung, es geht schnell um Leben und Tod, Fehler dürfen nicht passieren. Dazu kommen überlange Arbeitszeiten, Nachtdienste und eine extrem hierarchische Personalstruktur. Durch entsprechende Veränderungen am Arbeitsplatz ließen sich diese Missstände durchaus beheben.

Herbek: Als ich mich in Ausbildung zum Allgemeinmediziner befand, haben sich Ärzte bis zur Selbstausbeutung der medizinischen Behandlung von Menschen gewidmet. Diese Form der Berufsauffassung ist allerdings nicht mehr zeitgemäß. Heute widmet man dem Arbeitnehmerschutz sehr viel Aufmerksamkeit.

STANDARD: Aber die gesetzlich vorgeschriebenen Arbeitszeithöchstgrenzen werden massiv überschritten?

Herbek: Keineswegs! Wir unterstehen gerade in Wien der strengen Kontrolle des Arbeitsinspektorates. Ausnahmen für Arbeitszeitüberschreitungen gibt es nur bei akuten Personalausfällen. Ansonsten gibt es Engpasszeiten nur zur Urlaubszeit und in Zeiten von hohen Krankenständen.

Uhlenhuth: Es ist eine Tatsache, dass 32-Stunden-Dienste am Stück üblich sind. Das Krankenanstaltenarbeitszeitgesetz in Österreich sieht eine maximale Wochenarbeitszeit von 60 Stunden vor. Wenn eine Betriebsvereinbarung mit der Personalvertretung über die Zulassung verlängerter Dienste abgeschlossen wurde, sind in einzelnen Wochen auch 72 Stunden möglich. Diese Stundenanzahl wird sehr oft erreicht und auch überschritten. Das Arbeitsinspektorat sanktioniert diese Arbeitszeitüberschreitungen in den öffentlichen Spitälern nicht.

Herbek: Ich weiß nicht, von welchen Krankenhäusern Sie reden. Ich spreche jedenfalls für die Krankenhäuser der Stadt Wien und kann sagen, dass das Maximum, das unter der Woche im Einzelfall von uns vertreten wird, 29 Stunden Dienst am Stück sind. Und hier wird im Gegensatz zu manchen EU-Ländern die gesamte Zeit, die ein Arzt im Krankenhaus verbringt, als Arbeitszeit gewertet. Zudem hat der Spitalsarzt während seines Nachtdienstes eine Schlaferlaubnis.

STANDARD: Die lange Arbeitszeit ist also keine erschwerende Arbeitsbedingung ?

Herbek: Bournout ist nicht nur eine Folge von langen Arbeitszeiten am Stück, sondern eine individuelle Überlastung im privaten und beruflichen Bereich. Spitalsärzte haben eine 40-Stunden-Woche, die mit einem Nachtdienst pro Woche auf 42,5 Stunden steigt. In Wiener Krankenhäusern arbeitet der Spitalsarzt viermal pro Woche von 8.00 bis 13.00 Uhr, und einmal pro Woche hat er einen Nachtdienst. Wir hören auch den Vorwurf, dass die Ärzte in Wien einen Halbtagsjob haben.

Uhlenhuth: Tatsächlich ist ein Spitalsarzt rein theoretisch zu "nur" vier Nachtdiensten im Monat verpflichtet. Schlaferlaubnis gibt es, jedoch keine geregelten Ruhezeiten. Hat der Arzt Glück, dann geht er um 24.00 Uhr schlafen und steht um 4.00 Uhr morgens erst wieder auf. Zudem arbeiten an vielen Abteilungen zu wenige Ärzte, um gesetzeskonforme Dienstpläne umzusetzen. In der Praxis müssen die Ärzte mindestens fünf bis sechs Nachtdienste pro Monat und manchmal auch mehr machen, weil alle Nachtdienste besetzt werden müssen. Der persönliche Druck, dem der Spitalsarzt bei den Diensteinteilungen ausgesetzt ist, ist sehr groß. Es gibt keine Personalreserven, weder für Urlaube noch für Krankenstände.

STANDARD: Und die Zahl kranker Menschen nimmt zu.

Uhlenhuth: Es gibt immer mehr ältere Menschen. Im Vergleich zu früher behandelt ein Arzt heute im gleichen Zeitraum wesentlich mehr Menschen, da sich die Verweildauer des Patienten im Spital reduziert hat. Zu dem größeren Patientenaufkommen kommt der ständig steigende Dokumentationsaufwand dazu, der vor allem von auszubildenden Ärzten übernommen wird.

STANDARD: Die Ärztekammer fordert dafür ja einen Dokumentationsassistenten.

Herbek: Die Dokumentation seiner eigenen Handlungen kann man dem Arzt nicht abnehmen. Wird der Arzt verklagt, so muss er nachweisen können, ob er alle erforderlichen medizinischen Handlungen abgedeckt hat, inklusive der persönlichen Aufklärung des Patienten.

Uhlenhuth: Natürlich könnte ein Dokumentationsassistent organisatorische Tätigkeiten übernehmen.

STANDARD: Ärzte müssen viele Nacht- und Wochenenddienste machen, um ihr Grundgehalt von 3200 Euro aufzubessern.

Herbek: Der Wiener Krankenanstaltenverbund (KAV) hat im Jahr 2002 mit der Wiener Ärztekammer und mit der Personalvertretung eine Gehaltsreform für Ärzte beschlossen. Diese hat erhebliche Verbesserungen für die Ärzteschaft gebracht. Die Stadt Wien ist ein öffentlicher Betrieb mit einem schematisierten Gehalt.

Uhlenhuth: Fakt ist, dass die Einhaltung des Arbeitszeitgesetzes zu hohen Gehaltseinbußen führt. 50 Prozent des ärztlichen Gehaltes bestehen aus entstandenen Mehrstunden. Nach einer 15-jährigen Ausbildungszeit verdient ein Facharzt im Schnitt 3200 Euro netto, muss dafür aber eine 60-Stunden-Woche in Kauf nehmen, Nachtdienste machen und auch am Wochenende und an Feiertagen arbeiten. Verglichen mit anderen Berufsgruppen, die ähnlich lange Ausbildungszeiten haben, ist das Gehalt eines Arztes also wesentlich geringer.

Herbek: Ich denke, dass die lange Ausbildungszeit eine jener Rahmenbedingungen ist, die man kennt, wenn man sich für den Beruf entscheidet.

STANDARD: Warum sind Spitals- ärzte aber dann so frustriert?

Uhlenhuth: Gestalterisches Arbeiten ist aufgrund der Arbeitsmenge nicht mehr möglich. Es gibt keine geregelten Supervisionen, eine zumeist insuffiziente Teamführung und keine entsprechende Mitarbeitermotivation. Der Spitalsarzt erhält kaum positives Feedback. Zwischen Pflegepersonal und Ärzten existiert nach wie vor keine Zusammenarbeit. Nach dem Ärztegesetz darf das Pflegepersonal viele Hilfstätigkeiten wie Blutdruck messen oder Infusionen anhängen ja übernehmen - nach der Dienstanweisung des KAV nicht.

Herbek: Der wichtigste Auslöser für ein Burnout ist Desorientierung. Der Betroffene sieht keinen Sinn mehr in seiner Tätigkeit, wenn er sehr wenig Gestaltungsmöglichkeit in der vorgegebenen Arbeit hat. Wobei gestalterisches Arbeiten als Arzt in Ausbildung seine Grenzen haben muss. Was die Supervision anbelangt, diese gibt es durchaus. Der KAV bietet sie jedem an, drängt sie aber niemandem auf. Die Kosten dafür tragen wir. Zum Thema Führungsarbeit ist nur so viel zu sagen, dass es seit Anfang der 90er-Jahre eine verpflichtende Managementausbildung für Primarärzte gibt.

Uhlenhuth: Aber es ist doch jedem Psychiater und Psychologen bekannt, dass Supervision nur im Vorfeld einer Krise Sinn macht. Sie müsste im Alltag eines Arztes ein verpflichtender Bestandteil sein.

STANDARD: Müssen Patienten sich vor Ärzten mit Burnout fürchten?

Uhlenhuth: Ausgebrannten Ärzten mangelt es vor allem an emotionaler Kompetenz. Das spiegelt sich in seiner Arbeits-alltag mit den Patienten wider. Schuldzuweisungen wie "Wegen dieses Patienten muss ich jetzt noch arbeiten"zeigen das und sind ein Hinweis für Burnout. Ein empathischer Arzt wird bei allen Patienten Begeisterung auslösen. Weniger Verwaltungsarbeiten können Patienten nur zugute kommen.

STANDARD: Was gibt es für Lösungsansätze?

Herbek: Vieles ist schon geschehen. Der Krankenanstaltenverbund hat ein Programm zur Verbesserung der Turnusarzt-Ausbildung aufgestellt. An der Zusammenarbeit mit der Pflege wird gearbeitet. Patientenbetreuung durch den Turnusarzt unter Aufsicht des Facharztes wird angestrebt.

Uhlenhuth: Ja, doch diese Ausbildungsoffensive gibt es bereits seit 1998. Gebessert hat sich bis dato aber nichts. Was wir in erster Linie brauchen, ist mehr Personal. Ein Arzt muss auch selbst einmal krank sein dürfen oder Urlaub nehmen können, ohne dass zur Erhaltung des Regelbetriebes ein anderer Arzt vermehrt Arbeit leisten muss.

STANDARD: Was ist bei Reformen die größte Herausforderung?

Herbek: In unserem Gesundheitssystem gibt es durchaus verkrustete Strukturen. Sie im Sinne eines Kulturwandels ein Stück aufzubrechen ist eine Herausforderung. Viele Kritikpunkte haben aus der Vergangenheit heraus auch ihre Berechtigung. Man muss aber auch die vielen Bemühung um Verbesserung sehen. Ein so großes System wie der Krankenanstaltenverbund mit 30.000 Mitarbeitern ist nicht auf einen Schlag veränderbar.

STANDARD: Sehen auch Sie Bemühungen in diese Richtung?

Uhlenhuth: Ich sehe schon, dass etwas getan wird. Ich bin aber skeptisch, was tatsächliche, zukünftige Veränderungen betrifft.

"Ausgebrannte Ärzte" Ein Burnout ist nicht nur eine Folge von langen Arbeitszeiten, sondern eine individuelle private und berufliche Überlastung. Susanne Herbek

Der Druck, dem Spitalsärzte ausgesetzt sind, ist groß. Es gibt keine Personalreserven, weder für Urlaube noch für Krankenstände. Rainer Uhlenhuth

Zur Person

Susanne Herbek(46) ist Ärztin für Allgemeinmedizin und Krankenhausmanagerin. Sie war vorerst ärztliche Leiterin vom Pflegeheim Klosterneuburg, dann vom Orthopädischen Krankenhaus Gersthof. 1993 kam sie in die Generaldirektion des Wiener Krankenanstaltenverbundes, hat dann als Beraterin im Gesundheitswesen gearbeitet und ist seit 2005 Direktorin der Krankenanstalten der Stadt Wien.

Zur Person

Rainer Uhlenhuth(48) ist Arzt, Betriebswirt und Psychotherapeut. 1995 war er Turnusarzt im Wilhelminenspital, danach wurde im Kaiser-Franz-Josef-Spital zum Facharzt für Psychiatrie ausgebildet. Heute arbeitet er als Psychiater im psychosozialen Dienst (PSD), ist parallel dazu Obmann der Interessengemeinschaft Turnusärzte für Turnusärzte (TfT) und deren Vertreter im Rahmen der Ärztekammer.

  • "Ein Burnout ist nicht nur eine Folge von langen Arbeitszeiten, sondern eine individuelle private und berufliche Überlastung." Susanne Herbek

    "Ein Burnout ist nicht nur eine Folge von langen Arbeitszeiten, sondern eine individuelle private und berufliche Überlastung." Susanne Herbek

  • "Der Druck, dem Spitalsärzte ausgesetzt sind, ist groß. Es gibt keine Personalreserven, weder für Urlaube noch für Krankenstände." Rainer Uhlenhuth

    "Der Druck, dem Spitalsärzte ausgesetzt sind, ist groß. Es gibt keine Personalreserven, weder für Urlaube noch für Krankenstände." Rainer Uhlenhuth

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