Zum aus der Haut fahren

10. Juli 2007, 15:12
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Neurodermitis - vom unerträglichen Juckreiz über blutig aufgekratzte Haut bis zur sozialen Ausgrenzung - die Behandlungskonzepte

Vor allem Kinder leiden unter der allergischen Erkrankung Neurodermitis. Eine effiziente Behandlung richtet sich nach dem Ausprägungsgrad der Symptome.

Adoptische Dermatitis

Für viele Kinder mutiert die Körperhülle in jungen Jahren zum Folterinstrument. Sie leiden unter Neurodermitis, medizinisch korrekt: atopische Dermatitis (AD). Zwei Drittel der Betroffenen haben Verwandte mit dem gleichen Leiden. AD bei beiden Elternteilen bedeutet für den Nachwuchs ein zirka 75-prozentiges Risiko, auch diese Hautkrankheit zu entwickeln. Was aber keinen lebenslangen Leidensweg bedeuten muss.

Später Asthma oder allergischer Schnupfen

Bei rund 40 Prozent bilden sich die Symptome bis zum vierten Lebensjahr ganz zurück, bei den anderen bessern sie sich zumeist bis zum Schulalter. "Allerdings bekommt beinahe jedes zweite Kind später Asthma oder einen allergischen Schnupfen, was eine regelmäßige ärztliche Kontrolle notwendig macht", erklärt Tamara Kopp, Immundermatologin an der Universität Wien.

Quälender Juckreiz

Zu den wesentlichen Merkmalen der AD zählen die trockene Haut und der quälende Juckreiz, der durch eine niedrige Juckreizschwelle erklärt wird. Umweltallergene wie Hausstaubmilben und irritierende Substanzen verschlimmern den "Itch-Scratch- Circle"(Juck-Kratz-Zirkel). Am Ende steht die aufgeriebene, bisweilen blutig aufgekratzte Haut. Dort siedeln sich Bakterien, Viren und Pilze an, führen zu Infektionen, die wiederum das Immunsystem massiv stimulieren und zu einem Schub führen können.

Seide tut gut

Eine speziell behandelte Seidenkleidung setzt hier an: Sie bindet Bakterien auf der Haut und tötet sie ab. "In zwei Studien konnten mit Derma Silk Verbesserungen der Hauterkrankung belegt werden", sagt Kopp. "Für Kleinkinder wurden spezielle Over-alls konzipiert, in denen auch die Hände eingehüllt sind."

Nahrungsmittelallergie

Bei etwa einem Drittel der erkrankten Kinder besteht zusätzlich eine Nahrungsmittelallergie. Diese beschränkt sich erfahrungsgemäß auf ein bis drei Substanzen, in erster Linie Kuhmilch, Hühnerei, Weizen und einige Obst- und Gemüsesorten. "Um eine unnötige Einschränkung der Nahrungsmittel zu vermeiden, muss diese Allergie unbedingt exakt diagnostiziert werden", betont die Fachärztin.

Allergietest

Dazu dienen spezielle Allergietests und eine orale Nahrungsmittelprovokation unter ärztlicher Aufsicht. Von pauschalen "Neurodermitisdiäten" raten Experten dezidiert ab.

Persönliche Triggerfaktoren

Da die Barrierefunktion der Haut bei Neurodermitikern massiv herabgesetzt ist, verschlimmern auch unspezifische Trigger wie Waschmittelbestandteile oder Stoffe wie Tierwolle und Synthetik das Problem. Kopp: "Daher ist es wichtig, seine persönlichen Triggerfaktoren zu vermeiden und die Haut durch eine regelmäßige Basis-Hautpflege mit rückfettenden Emulsionen und Ölbädern zu unterstützen."

Photochemotherapie mit UV-A-Licht

Bei schweren Fällen, wenn durch Lokaltherapie mit Kortisonpräparaten oder Immunmodulatoren die Hauterscheinungen nicht unterdrückbar sind, bietet sich eine Phototherapie mit UV-Licht oder eine so genannte Photochemotherapie mit UV-A-Licht (PUVA) an. Dabei verstärken Lichtsensibilatoren in Kapselform, als Badezusätze oder Cremes die Wirkung der Lichtstrahlen.

Nebenwirkungen

Leider nicht ganz nebenwirkungsfrei, wie Heinz Kofler, Leiter der Allergieambulanz Hall, erläutert: "Dabei kommt es zu einer kurzfristigen Erhöhung der Lichtempfindlichkeit der Haut, weiters tragen Patienten langfristig ein erhöhtes Risiko für bestimmte Hautkrebsformen. Deshalb sind regelmäßige Nachkontrollen beim Facharzt obligat."

Alternativen

Als Alternative kann ein Therapieversuch mit Antikörpern, so genannten Immunglobulinen, als intravenöse Infusion in monatlichen Abständen unternommen werden. "Obwohl erste Studienergebnisse gerade bei Kindern viel versprechend sind, handelt es sich bei dieser Behandlung um eine experimentelle Therapie, die nur an dermatologischen Zentren durchgeführt wird", so Tamara Kopp.

Traditionelle Chinesische Medizin

Auch komplementärmedizinische Anwendungen wie die Kräutertherapie der Traditionellen Chinesischen Medizin bewähren sich bei der Behandlung der atopischen Dermatitis. Leopold Spindelberger, praktischer Arzt in Wien, behandelt vor allem Kinder: "Aus Sicht der TCM entsteht der Juckreiz durch eine mangelhafte Entgiftung durch die Leber. Oft lässt der Juckreiz erst nach, wenn die Haut blutig gekratzt ist und die abgelagerten Giftstoffe so aus dem Körper entfernt wurden.

Lunge und Leber stärken

Mit entsprechenden Lebensmitteln und Kräuterkombinationen können Lunge und Leber gestärkt und unterstützt werden."Nachteil dieser sanften Heilmethode: Die Kosten sind von den Patienten selbst zu tragen und werden bestenfalls von privaten Krankenversicherungen ersetzt. (Andrea Fallent/MEDSTANDARD/17.07.2006)

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    Der Kangalfisch (lat.: Garra Rufa) ist ein cirka zehn Zentimeter kleiner Fisch, der sich mit Vorliebe von Hautschuppen aller Art ernährt.

    Dazu halten die Patienten die betroffenen Körperteile den etwa 150 Fischen vor, die im warmen Wasser hungrig ihre Arbeit tun - die Saugbarben knabbern an den erkrankten Hautpartien, bis die obere Schicht der Epidermis entfernt ist.

    Dabei injizieren die Tiere geringe Mengen von Sekreten, die den Heilungsprozess fördern.

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