Expertin im STANDARD-Inter­view: "Israelis haben Iran unterschätzt"

17. Juli 2006, 18:40
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Amal Saad-Ghorayeb glaubt, dass die vom Iran aufgerüstete Schiiten-Organisation durch Israels Angriff auf den Libanon an Rückhalt gewonnen hat

Mit der libanesischen Universitätsprofessorin aus Beirut sprach Alfred Hackensberger.

STANDARD: Beirut brennt, die ganze Infrastruktur des Libanon wird zerstört. Hat sich die Hisbollah mit der Entführung von zwei israelischen Soldaten verkalkuliert, die Reaktion Israels unterschätzt?

Saad-Ghorayeb: Nein, das glaube ich nicht. Die Hisbollah hat sicher alle Optionen und Konsequenzen durchgedacht. Ich bin überzeugt, dass ein israelischer Angriff ein Szenario ist, auf das sie immer vorbereitet waren. Am Freitag hat die Hisbollah ein Kriegsschiff Israels angegriffen, so etwas ist keine Zufallsaktion. Die Hisbollah hat graduell reagiert, bis heute nicht alle ihre militärischen Möglichkeiten ausgespielt. Es gab und gibt eine klare militärische Strategie.

STANDARD: Wie weit wurde die militärische Infrastruktur der Hisbollah beschädigt?

Saad-Ghorayeb: Die Israelis haben zwar gesagt, sie hätten militärische Ziele angegriffen, aber bisher gab es nur zivile Opfer und die Zerstörung ziviler Infrastruktur.

STANDARD: Israel will die Hisbollah als Ganzes vernichten. Gibt es dafür eine Chance?

Saad-Ghorayeb: Nein, das glaube ich nicht. Die Hisbollah ist keine kleine Organisation, mit einem Mitgliederzentrum und verschiedenen Militärbasen, die man einfach zerstören könnte. Es ist eine Volksbewegung, die überall präsent ist. Waffen sind über das ganze Land verteilt und können jederzeit flexibel eingesetzt werden. Eine derartige Bewegung kann man nicht mit konventionellen militärischen Mitteln ausradieren.

STANDARD: Die israelische Regierung hält den Iran und Syrien für die Aktionen der Hisbollah verantwortlich. Welche Rolle spielen der Iran und Syrien?

Saad-Ghorayeb: Der Iran ist ein Faktor, den die Israelis unterschätzt haben. Seit einiger Zeit gibt es eine intensive Koordination zwischen Hamas, Hisbollah und dem Iran. Dabei geht es um gemeinsame Strategien, informelle Absprachen und militärische Ausbildung. Syrien ist nur ein Transitland für Waffenlieferungen.

STANDARD: Alle Waffen der Hisbollah stammen aus dem Iran, auch die weit reichenden Raketen, die in Haifa einschlugen?

Saad-Ghorayeb: Ja, natürlich. Man kann davon ausgehen, dass der Iran alles aus seinen Waffenlagern geliefert hat, was man in Einzelteilen zerlegen und in den Libanon transportieren kann. Unter dem neuen Präsidenten Mahmud Ahmadi-Nejad wurde noch freigebiger geliefert.

STANDARD: Man kann also die Ankündigung von Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah, dass es weitere militärische Überraschungen geben wird, für bare Münze nehmen?

Saad-Ghorayeb: Ja. Die Hisbollah hat ihre militärischen Möglichkeiten längst nicht ausgereizt.

STANDARD: Sie hat nichts von ihrem Ansehen und ihrer Rolle als Widerstandsbewegung verloren, obwohl das halbe Land ihretwegen zerstört wurde?

Saad-Ghorayeb: Es erscheint paradox, aber genau das Gegenteil ist der Fall. Die Reaktion Israels hat bewiesen, wie wichtig die Hisbollah für die nationale Verteidigung ist. Nur sie kann Israel die Stirn bieten. Es kommt jetzt darauf an, ob die Hisbollah tatsächlich militärisch etwas ausrichten kann. Für die Hisbollah geht es bei diesem Konflikt ums politische Überleben. (DER STANDARD, Printausgabe, 17.7.2006)

Zur Person:

Amal Saad-Ghorayeb
ist Professorin an der American Lebanese University in Beirut und Autorin des Buches "Hisbollah, Politik und Religion".
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