Toni Böhm 1949-2006

16. Juli 2006, 18:34
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Der Volksschauspieler starb 57-jährig völlig unerwartet in Reichenau

Wien - Das Publikum liebte ihn, selbst wenn er, wie in der letzten Saison, als schwuler Tanzlehrer mit dem Volkstheater durch die Bezirke tingelte. So gelang Toni Böhm, von dem es in der Regel hieß, er sei brillant gewesen, in Sechs Tanzstunden in sechs WochenAußerordentliches: Mit seiner sympathischen Ausstrahlung ließ er die Zuschauer Vorurteile gegenüber Homosexuellen überdenken.

Den Vater zweier Kinder, bekannt auch als Ö1-Moderator des Reisemagazins Ambiente,zog es immer wieder in die Ferne, zumeist nach Asien. Als Schauspieler hingegen verbarg er sein wahres Gesicht hinter der Maske seiner Rolle. Er beeindruckte daher mit Vielfältigkeit: als Tesmann in Hedda Gabler, als Cyrano de Bergerac, als Fery in Wolfgang Bauers Change, als Habakuk in Raimunds Alpenkönig und Menschenfeind, als Titus Feuerfuchs in Nestroys Der Talisman. Und als Lederfabrikant Anton Schafgeist in Nur Ruhe!, ebenfalls von Nestroy, bewies er im April 2005 ein weiteres Mal, ein "rarer, wahrer Glücksfall"zu sein.

Böhm, am 3. Juli 1949 in Salzburg geboren, wusste schon früh, dass er Schauspieler werden wollte. 1974, nach dem Reinhardt-Seminar, ging er nach Graz, zwei Jahre später holte ihn Hans Gratzer an sein Schauspielhaus in der Wiener Porzellangasse. Und ab 1979 fand Böhm seine Heimat am Volkstheater unter Emmy Werner. Gleich zweimal, 1994 und 2005, wurde er mit dem Karl-Skraup-Preis ausgezeichnet. Er blieb dem Haus am Weghuberpark auch nach dem Direktionswechsel vor einem Jahr treu, aber nicht mehr als fixes Mitglied: Im Theater an der Josefstadt war er zuletzt in Andorrazu sehen.

Böhm wirkte in Fernsehserien wie Kaisermühlenblues, Alpensagaund Juliamit. Und im Sommer trat er unter anderem in Reichenau auf: In Thomas Bernhards Alte Meisterwar er als Irrsigler permanent präsent - auch wenn er fast keinen Text hatte. Und erst vor wenigen Tagen kam ebendort Stefan Zweigs Rausch der Verwandlung heraus. Böhm brillierte wieder einmal - nun als kauziger Gatte Antony.

Die Vorstellung am Freitag aber fand ohne ihn statt: Eine Viertelstunde vor Beginn fand ihn der Garderobier tot in seiner Wohnung. Ursache wurde keine bekannt gegeben. Böhm sei am Vorabend noch "gut drauf"gewesen, niemand hätte den plötzlichen Tod des 57-Jährigen erwarten können.

"Er war ein großer, leider zu leiser Star, dessen Genialität der höchsten Weihen würdig gewesen wäre", sagte Emmy Werner. Michael Schottenberg meinte: "Seit Jahrzehnten hat kein anderer Schauspieler das Gesicht des Volkstheaters so unverwechselbar geprägt wie er."Die Show aber geht weiter: Hans Dieter Knebel übernahm Böhms Rolle in Reichenau. (trenk/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17. 7. 6. 2006)

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