Israel und Hisbollah setzen Angriffe fort

16. Juli 2006, 22:08
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Israel bombardiert Dörfer im Südlibanon und kündigte weitere Angriffswelle an - Insgesamt bereits mehr als 116 Tote

Beirut/Kairo - Bei der Bombardierung von Ortschaften im Südlibanon sind nach Angaben von Krankenhäusern vom Sonntag mindestens 13 Menschen ums Leben gekommen. Etwa 36 wurden verletzt. Damit stieg die Zahl der Toten seit Beginn der Angriffe auf 116. Nach Polizeiangaben wurden die meisten der Menschen in ihren Häusern getötet.

Israel hatte Flugblätter über Dörfern im Süden des Nachbarlandes abgeworfen und die Einwohner zur Flucht aufgefordert. Der Befehlshaber der israelischen Armee für den nördlichen Wehrbezirk, Generalmajor Udi Adam, kündigte nach einem Bericht des US-Senders CNN schwere Angriffe auf den Südlibanon in den nächsten Stunden an. Tausende machten sich bereits in Minibussen und Lastwagen auf die Flucht. Israel hatte sich im Mai 2000 nach 22-jähriger militärischer Präsenz aus dem Südlibanon zurückgezogen.

Mehr als hundert Tote

Die israelische Luftwaffe hatte in der Nacht auf Sonntag ihre Angriffe im Libanon fortgesetzt, die schon mehr als hundert Todesopfer unter der Bevölkerung gefordert haben. Eine israelische Armeesprecherin teilte mit, es seien mehr als 50 Ziele angegriffen worden. Die libanesische Schiitenbewegung Hisbollah dementierte Berichte israelischer Medien, wonach ihr Führer Hassan Nasrallah bei den israelischen Angriffen verletzt worden sei.

Angriff auf Haifa

Bei einem Raketenangriff der libanesischen Schiitenmiliz Hisbollah auf die israelische Hafenstadt Haifa sind am Sonntag mindestens neun Menschen ums Leben gekommen und acht weitere verletzt worden. Nach Angaben der israelischen Polizei wurden bei diesem folgenschwersten Angriff auf Israel seit Beginn der Feindseligkeiten in der vergangenen Woche zahlreiche Menschen verletzt. In Haifa schlugen nach Polizeiangaben mindestens fünf Raketen ein, einige davon in dem Wohngebiet Hadar. Der Hisbollah-Sender Al Manar berichtete, Ziel des Angriffs sei die große Ölraffinerie gewesen. Wie das israelische Fernsehen berichtete, gingen die Raketenangriffe auch auf die Städte Akko und Naharia weiter. Seit Beginn der israelischen Libanon-Offensive wurden in den vergangenen Tagen Hunderte von Raketen auf Nordisrael abgefeuert.

Nach dem Raketenangriff auf Haifa transferiert Israel die in der Region befindlichen Giftstoffe in den Süden des Landes. Ein Teil sei bereits weggeschafft worden, teilte ein hochrangiger Beamter des israelischen Umweltministeriums am Sonntag mit.

Raad-Raketen

Nach den Angriffen hat sich die libanesische Schiiten-Miliz Hisbollah gerühmt, neuartige Raketen mit größerer Reichweite zu besitzen. "Unsere Kämpfer haben Raketen vom Typ Raad 2 und Raad 3 auf Haifa gefeuert", hieß es in einer in Beirut verbreiteten Erklärung der Hisbollah. Die ersten Raketen vom Typ Raad (Donner) wurden 2004 im Iran hergestellt. Auf Expertenseiten im Internet sind Schätzungen ihrer Reichweite von 120 bis 350 Kilometer zu finden. Die Hisbollah drohte Israel mit weiteren Angriffen auf Haifa.

Mofaz: Haifa mit in Syrien gefertigten Raketen angegriffen

Die in der israelische Hafenstadt Haifa eingeschlagenen Raketen sind nach Einschätzung des stellvertretenden Ministerpräsidenten Shaul Mofaz in Syrien hergestellt worden. "Das sind syrische Waffen", sagte der frühere Verteidigungsminister am Sonntag bei einem Rundgang durch ein Bahndepot in Haifa, in dem bei einem Raketenangriff der libanesischen Hisbollah-Miliz neun Menschen ums Leben kamen. Aus israelischen Sicherheitskreisen hatte es zuvor geheißen, die Hisbollah habe für den Angriff auf Haifa Raketen mit chinesischer Technologie aus dem Iran eingesetzt.

Alarmbereitschaft in Tel Aviv

Israels Armee hat die Einwohner Tel Avivs und der weiter nördlich gelegenen Landesteile nach den Angriffen auf Haifa zur erhöhten Alarmbereitschaft aufgerufen. Die höchste Armeesprecherin Miri Regev sagte am Sonntag, auch die Bewohner der zentraleren Gebiete Israels müssten im Falle von Warnsirenen darauf vorbereitet sein, Schutzräume aufzusuchen. Die Menschen hätten dann etwa 60 Sekunden Zeit, sich in Sicherheit zu bringen.

Olmert: "Weitreichende Folgen"

Der israelische Ministerpräsident Ehud Olmert hat nach den Raketenangriffen mit "weit reichenden Folgen" gedroht. Olmert sagte während der wöchentlichen Kabinettssitzung in Jerusalem am Sonntag, Israel habe "keine Absicht, vor dem Feind einzuknicken". Es stehe eine "schwierige und komplexe" Zeit bevor.

"Bemühen um Frieden missverstanden worden"

"Es wird weit reichende Folgen in unseren Beziehungen mit der Nordgrenze und im Allgemeinen haben", sagte er zu den Raketenangriffen auf Haifa, die mindestens neun Menschenleben gefordert haben. "Dieser Kampf wird nicht schnell vorbei sein." Israel habe kein Interesse, palästinensischen oder libanesischen Zivilisten Schaden zuzufügen. Israel wolle eine gute Nachbarschaft. "Unglücklicherweise ist unser Bemühen um Frieden missverstanden worden", sagte Olmert.

Raketen auf Beirut

Nach den Angriffen der Hisbollah auf Haifa haben israelische Kampfflieger erneut die Zentrale der libanesischen Schiiten-Miliz in Beirut beschossen. Mindestens zehn Raketen schlugen am Sonntag nach Augenzeugenberichten im dicht bevölkerten Süden der Hauptstadt ein. Die Explosionen waren in der ganzen Stadt zu hören. Der Hisbollah-Sender Al-Manar wurde erneut getroffen und unterbrach kurzfristig seine Sendungen. Das Wohnhaus von Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah ist mittlerweile weitgehend zerstört.

Solana zu Überraschungsbesuch im Libanon eingetroffen

EU-Außenvertreter Javier Solana ist am Sonntag zu einem überraschenden Kurzbesuch in der libanesischen Hauptstadt Beirut eingetroffen. Dort werde er Ministerpräsident Fouad Siniora treffen, teilten die libanesischen Behörden mit. Nach dem Gespräch war eine Pressekonferenz geplant. Ein EU-Vertreter sagte, Solana werde möglicherweise auch mit dem Parlamentsvorsitzenden zusammen treffen.

Am Rande des G-8-Gipfels in St. Petersburg hat US-Präsident George W. Bush Israel das Recht auf Verteidigung gegen terroristische Aktivitäten bescheinigt, gleichzeitig forderte er die Israelis auf, die Folgen ihres Handelns im Auge zu behalten. Der französische Staatspräsident Jacques Chirac rief vor seinem Treffen mit Bush dazu auf, "alle Kräfte zu stoppen, die die Sicherheit, die Stabilität und die Souveränität des Libanon in Frage stellen".

Elektrizitätswerk in Flammen

Eine israelische Armeesprecherin sagte, die Luftwaffe habe in der Nacht zehn Radarstationen entlang der libanesischen Küste, den Hisbollah-Fernsehsender Al-Manar sowie das Hisbollah-Hauptquartier in Südbeirut angegriffen. Nach libanesischen Angaben bombardierten israelische Kampfjets am frühen Sonntag erneut die schiitischen südlichen Vororte der Hauptstadt, die als Hochburg der Hisbollah gelten. Einwohner des Gebiets suchten Schutz in Bunkern. In der Hauptstadt waren Explosionen zu hören. Nach Hisbollah-Angaben haben israelische Kampfflugzeuge ein Elektrizitätswerk südlich von Beirut bombardiert. Die Anlage Jiyeh stehe seit den Morgenstunden in Flammen. Die Feuerwehr erklärte, sie habe nicht genug Wasser, um den Brand zu löschen.

"Bei der nächsten Gelegenheit liquidieren"

Die Hisbollah wies am Sonntag Berichte israelischer Medien zurück, Nasrallah sei bei einem Luftangriff verwundet worden. Israels Einwanderungsminister Zeev Boim hatte am Samstag im Rundfunk erklärt, Israel werde Nasrallah "bei der nächsten Gelegenheit liquidieren". Der Hisbollah-Führer, dessen Haus von der israelischen Luftwaffe bombardiert worden war, hatte den Israelis am Freitagabend den "offenen Krieg" erklärt. Sein Vorgänger, Scheich Abbas Hussein Moussavi, war im Februar 1992 bei einem gezielten israelischen Angriff im Südlibanon getötet worden.

"Unmoralische kollektive Bestrafung"

Der libanesische Ministerpräsident Fouad Siniora schlug Israel einen sofortigen Waffenstillstand unter Aufsicht der Vereinten Nationen vor. Die anhaltenden Angriffe stellten eine "unmoralische kollektive Bestrafung" seines Volkes dar, sagte Siniora am Samstagabend in einer Fernsehansprache. Er appellierte an die internationale Gemeinschaft, einen "vollständigen und unverzüglichen Waffenstillstand" zu vermitteln.

"Der Nahost-Prozess ist tot", sagte der Generalsekretär der Arabischen Liga, Amr Mussa, am Samstagabend nach einem Krisentreffen der arabischen Außenminister in Kairo. "Alle Mechanismen einschließlich des Nahost-Quartetts haben versagt oder sogar zur Beerdigung des Friedensprozesses beigetragen", kritisierte er. Der "einzige Weg" zu einer Lösung führe über den UNO-Sicherheitsrat. In einer gemeinsamen Erklärung verurteilten die Außenminister die israelischen Angriffe auf den Libanon als "brutale Aggression", die gegen das Völkerrecht verstoße. Der libanesische Außenminister Faouzi Salloukh hatte während der Krisensitzung erklärt, dass die Hisbollah "mit ihren kühnen Aktionen den Arabern ihren Stolz zurückgegeben" habe. (APA/dpa)

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    Die israelische Luftwaffe bombardierte erneut Beirut

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