Viel Lärm um Flugverkehr

19. Juli 2006, 20:31
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Fluglärm hat schon so manche Bürgerinitiative ins Schleudern gebracht: Wird eine Flugroute verschoben, trifft es andere

Wien – „Was mich als Anwältin fasziniert: Im Gegensatz zum Straßenbau können in der Luft beliebige Routen gelegt werden.“ Susanne Heger, Sprecherin der Penzinger Bürgerinitiative „14gegenFluglärm“, kämpft schon seit Jahren gegen die Steigerung und Bündelung der Flugbewegungen über Penzing – und für die Masse der Anrainer, die ihrer Meinung nach geweckt werden müsse. Denn auch in anderen Bezirken wird unermüdlich gegen die Lärmdröhnung der gen Schwechat düsenden Flieger mobil gemacht.

Mediation

Besonders aktiv ist die Liesinger „Bürgerinitiative gegen Abfluglärm“: 10.000 Unterschriften wurden in nur wenigen Wochen gesammelt, als im Zuge der Flughafen-Mediation beschlossen wurde, die Abflugroute mit den meisten Flugbewegungen per April 2004 von Niederösterreich auf den 23. Bezirk zu verlegen. Damit wurde erreicht, was vielen Bürgerinitiativen nicht gelang: die Aufnahme in die zu Jahresbeginn abgeschlossene Mediation und deren Nachfolger, das „Dialogforum“. Viktor Horak, Sprecher der Liesinger Initiative und als Besitzer eines Pilotenscheins kein deklarierter Fluggegner, glaubt, dass man in der Kooperation eher etwas erreichen könne – trotz der bisher vorherrschenden Machtlosigkeit: Einer Verlegung der Abflugroute um 200 Meter nach Süden wurde wegen der „minimalen Verbesserung“ nicht zugestimmt.

Heger gibt sich kompromissloser: Das „Dialogforum“ sei genauso wie die Mediation vom Flughafen gesponsert und schlicht „eine Farce“. Denn während Bezirke mit vielen Gemeindebauten unter der stetigen Lärmbelastung litten, würden die „gehobeneren“ Bezirke Döbling und Währing, wo mit mehr Widerstand zu rechnen sei, gezielt verschont. Dagegen hätten im Vorjahr 15.636 Landeanflüge allein über Penzing geführt. Das gehe aus Flugspurenaufzeichnungen eindeutig hervor, vermutet Heger politisches Kalkül hinter der Streckenführung.

Musterprozess

Gewollt nicht im Dialogforum vertreten ist auch die „Antifluglärmgemeinschaft“, die in einem Musterprozess, der derzeit beim Oberlandesgericht Wien anhängig ist, eine Entschädigung für Liegenschaftsentwertungen durch Fluglärm erreichen will. Nur so würde die Austro Control den Flugverkehr „schonender“ steuern, was schon jetzt möglich, aber teurer wäre. Trotz des gemeinsamen Feinds Fluglärm herrscht Funkstille zwischen den verschiedenen Bürgerinitiativen: „Entweder es trifft die einen oder die anderen,“ erklärt Heger die Verteidigung lokaler Interessen. Für sie selbst gehe es jedoch „um Wien“ – und um die Verhinderung der geplanten dritten Piste am Flughafen Schwechat. Diese könne nur mehr Lärm bedeuten, darin sind sich alle Initiativen einig.

Erhöhte Lärmgrenzen

Denn die am Donnerstag im Parlament von ÖVP, SPÖ und BZÖ beschlossene Novelle zum Umweltverträglichkeitsprüfungsgesetz, die für den positiven Abschluss des UVP-Verfahrens für die dritte Piste nötig war, sieht maximale Lärmgrenzen für Flughäfen vor, die über jenen der von der WHO empfohlenen und im Mediationsvertrag festgelegten Werten (54 Dezibel tagsüber, 45 nachts) liegen. „Damit wird einer Vervielfachung des Flugverkehrs Tür und Tor geöffnet“, sagt Horak und befürchtet, dass der Mediationsvertrag nicht eingehalten wird. Die Aufregung sei grundlos, beschwichtigen Flughafen und Stadt Wien: Die festgelegten Grenzwerte für die Anrainer seien „bindend“. (Karin Krichmayr, DER STANDARD Printausgabe, 15./16.07.2006)

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    foto: standard/corn
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