Bergauf beschleunigen

21. Juli 2006, 12:36
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Martin Walsers treffliche Gesellschaftssatire Angstblüte

Ob in diesem Milieu auch die Angst eine Blüte, also Falschgeld im Emotionalen ist? Die Sinne, meint der Investmentberater schließlich zu begreifen, stehen im Dienste der Täuschung: "Er hat alles für etwas gehalten, was es nicht war. Nicht nur die Augen hatten sich als unbrauchbar erwiesen. Auch sein Gefühl. Nichts war so, wie er es empfunden hatte. Hoffentlich auch er selbst nicht." Kein Kleist'sches Alkmene-"Ach" fasst am Ende die Vieldeutigkeiten von Identitätsanmaßung und tiefer Gefühlsverwirrung - im heutigen Trug-Lustspiel kommt ein Marktgläubiger, der seinem Spekulationsgefühl vertraute, auf falsche Anlagen.

So schildert es Martin Walser in Angstblüte, seiner ebenso trefflichen wie treffenden Satire über ein Milieu des Kapitalschwindels und der Fassadengeilheit. Seit der Anselm-Kristlein-Trilogie führt der große Erzähler Walser in feinen Beobachtungen, bei Gelegenheit in gröberen Tönen vor Augen, wie hinter Kulissen einer so genannten Wohlstandsgesellschaft gespielt und mitgespielt wird. Ein facettenreiches Panorama eines Deutschland, der "Bunzreplik", wie es 1960 mit Anselm Kristlein in Halbzeit heißt, vom aufstrebenden Kleinbürgertum der Sechzigerjahre bis zum neofeudalen Salonwesen des Literaturbetriebes im heftig umstrittenen Roman Tod eines Kritikers.

Wo nun "der Weltgeist wohnt", erklärt in Angstblüte ein Geisteswissenschafter als Investmentbanker und denkt an Markt, Börse, Aktien. Die Reichen, Erfolgreichen, Macher und Vormacher, das sind die Hauptfiguren. Ihre Gründe und Abgründe, die wechselnden Kurse im Treiben um Geld und Macht und Freundschaft, Liebe und Alter, das sind die Momente einer literarischen Anlage, die sich als tiefsinniger erweist, als es zunächst den Schein haben mag. "Wirtschaft als Handlung, sagte Karl. Bei uns nicht denkbar." So schon.

Der siebzigjährige Münchner Anlageberater Karl von Kahn, aus dessen Perspektive Martin Walser die personale Erzählung kommen lässt, gibt sich seriös und sieht seine Stärke in Information, Intuition und in der Fähigkeit, "bergauf beschleunigen" zu können. Gundi, die Starpräsentatorin ihrer Fernsehtalkshow, ruft ihn dringend an das Krankenhausbett ihres Mannes, den sie nur Diego genannt haben will und der als Lambert Trautmann, wie Karl ihm traut, der beste Freund und Geschäftspartner ist. Unter dem Eindruck des offenbar schlimmen Zusammenbruchs willigt Karl in den sofortigen Verkauf einer gemeinsamen Firma ein; am Abend freilich ist der Schwerleidende wieder bestens auf den Beinen. Der Kunsthändler und "Herr der schönen Dinge" kann - wie seine Frau im TV - weiterhin den Salonfürsten geben, bei den Empfängen in seiner Villa, einem "Bonsai-Neuschwanstein". Das Ritual derartiger Auftritte hat Walser in Tod eines Kritikers scharf beobachtet, im neuen Roman führt er weitere Varianten dieser Kultur-Macht-Inszenierungen vor. Das Leben als Talkshow, kaum unterscheidbar, ob im öffentlichen, ob im privaten Rahmen, mit den ökonomischen Größen und der "kulturellen Fraktion", vereint durch Geld, Schönheitsgesäusel, Gourmetgetue, selbstbewusste Selbstdarstellung.

"Am Leben entlang" filme er, sagt im zweiten Teil des Romans der Regisseur. Seinen nächsten Kultstreifen soll Karl von Kahn mitfinanzieren, verführt von der um fast vierzig Jahre jüngeren Joni Jetter, die die Hauptrolle spielt. Das Drehbuch übernimmt dann einfach diese falsche Liebesgeschichte unter dem Titel "Othello-Projekt". "Das Leben zieht, wenn es für die Kunst gebraucht wird, immer den Kürzeren", erklärt der Szenarist. Mit dem Filmtheater notiert Walser einige Passagen als Rollendialog, die satirischen Überzeichnungen setzt er hier stark konturiert, signalisiert auch durch die Namen: Regisseur Strabanzer ist ein Tiroler Katalane, Jonis Schauspieler-Liebhaber, der Karl brieflich die endgültige Abfuhr mitteilt, heißt Arthur Dreist.

In dieser Komödie der Täuschungen bilden die Figuren eine denkwürdige Anlegerparade, ein Kabinett der Reichen, deren Namen sich entsprechend aufplustern: Amadeus Stengl, Marcus Luzius Babenberg, Magistra Leonie von Beulwitzen, Amei Varnbühler-Bülow-Wachtel. Die Ausstattung rückt eine Melange von Provinziellem und Weltmännischem in den Vordergrund, in Diegos "Sängersaal" finden sich "Graphiken von Rembrandt ebenso wie Schafe am Bachlauf bei Bad Tölz im Vorfrühling". Der Salon verbindet eine neobarocke Repräsentanz mit einer Sentimentalisierung mittels Kulturdeckmantel, Fernsehen und Markt sind seine Religion. Kommunikation und Beziehungen tendieren zum Ritual. Wie Karls Zärtlichkeiten für seine Frau Helen, eine promovierte Ehepsychologin, der das Formelhafte der eigenen Ehe entgeht, sodass der Investmentspezialist Liebe, körperliche und sprachliche Handfestigkeiten anderswo zu finden glaubt.

Sprache dient in diesem Umfeld zum Vortäuschen und Imitieren. Wer das Wort hat, Sätze und ein Bild von sich auszustrahlen weiß, platziert sich auf dem Geltungsmarkt. Kulturgegenstände erwirbt man aus zweiter Hand, die Sprache auch. Sie gibt einen Bildungsanstrich, man handelt also mit Zitaten, mit deren geborgter Autorität, ob von Rabelais oder Sade, von Kant oder Goethe, Marx oder Keynes, Nietzsche oder Georg Simmel. Banale Lebensweisheiten ("Freunde, die nicht streiten, sind keine Freunde"), Tautologien ("Der Markt macht den Markt"), Merksätze stehen hoch im Kurs. Wörter sind nichts, aber für alles gut, denkt Karl. In seiner "Kunden-Post" pflegt er die Kolumne "Zitat der Woche", Einstein ("Zinseszins sei die größte Erfindung des menschlichen Geistes") sieht er als "Zitierikone schlechthin" - einer der Anleger, ein alter Physiker, der das Land zu verlassen beabsichtigt, da er sich wegen der Vergangenheit nicht immer vor Kindern und Enkeln rechtfertigen will, fordert dann dringend eine "Relativitätstheorie der Moral".

Der falsche Freund und Kompagnon Diego tritt als Verehrer von Voltaire auf, einmal sollen seine Gäste auf den Candide schwören. Bei Voltaire, der durch Börsenspekulation reich geworden war, reist der Naive von einer Katastrophe zur anderen, ohne sein pseudophilosophisches Glaubensbekenntnis von der besten aller möglichen Welten zu relativieren. In Walsers Roman kreisen viele Darsteller um die Idee, die ihnen und ihresgleichen die beste Welt sichern soll: dass sich nämlich ihre Werte durch Anlagespekulation mehren. Die Art Neofeudalismus vergleicht Karls Bruder in seinem Abschiedsbrief vor dem Freitod mit der Geschichte des Großvaters, der für den Kaiser komponiert hatte: Wilhelm II. sei "für heutige Vorgänge auf hoher Ebene musterhaft". Das sollte sitzen.

Diese gelungene Gesellschafts- und Sprachsatire schafft es - bei all ihren Auswüchsen und Engführungen -, Strukturen und Mechanismen eines Sozialwesens ebenso vielschichtig wie amüsant einsichtig zur Kenntlichkeit zu gestalten. (Klaus Zeyringer, DER STANDARD, Printausgabe vom 15./16.7.2006)

  • Martin Walser"Angstblüte" Roman  € 23,60/ 477 Seiten  Rowohlt, Reinbek 2006.
    foto: buchcover

    Martin Walser
    "Angstblüte"
    Roman
    € 23,60/ 477 Seiten
    Rowohlt, Reinbek 2006.

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