In einem wüsten Land

15. Juli 2006, 03:41
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Mit der unheimlichen Choreografie "D'un soir un jour" von Anne Teresa De Keersmaeker begann in der Burg das ImPulsTanz-Festival

Anne Teresa De Keersmaeker reimt Feux auf Jeux, Feuer auf Spiele. Und das Spiel mit dem Feuer bestimmt unsere Welt: Mit ihrer unheimlichen Choreografie "D'un soir un jour" begann in der Burg das ImPulsTanz-Festival.

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Wien - Diverse Nachmittagsspiele haben ihr Ende gefunden, die Sonne ist hinter einem flachen Horizont versunken, und die Feuerwerke sind abgebrannt. In Anne Teresa De Keersmaekers jüngster Choreografie D'un soir un jour, mit der das Festival ImPulsTanz am Donnerstag im Burgtheater eröffnet wurde, regieren die Gespenster der Nacht.

Die musikalische Struktur bildet dabei ein Gespinst der Täuschungen. Sie besteht aus drei Klammern: Debussys Prélude à l'après-midi d'un faune zu Beginn und Jeuxam Schluss, dazwischen Strawinskys Symphonies d'Instrument à Ventund Feu d'artificesowie George Benjamins Dance Figures und Ringed by the Flat Horizon. Die Bühne: aufgerissen wie eine Blackbox. Blackouts zwischen des Szenen. Eine unheimliche Atmosphäre.

Den Schlüssel liefert ein Ausschnitt aus Michelangelo Antonionis Film Blow Up: Die Hauptfigur beobachtet eine Gruppe junger Leute dabei, wie sie Tennis ohne Ball und Schläger spielt. Als der unsichtbare Ball vom Feld fliegt, wirft der Protagonist ihn zurück. Es geht also darum, was ein reales Bild ist und was bloß Einbildung.

De Keersmaeker hat in D'un soir un jour ein Element versteckt, das sich erst entschlüsselt, wenn man die Arbeit einer ihrer Ex-Tänzerinnen gesehen hat, Erase E(X)von Johanne Saunier (zu sehen bei ImPulsTanz ab 17. Juli). Dort werden choreografische Materialien zwischen De Keersmaeker, der Wooster Group und der Regisseurin Isabella Soupart ausgetauscht und verändert. De Keersmaeker hebt die Bearbeitung der Wooster Group nun in ihr eigenes Stück und stellt sie nach eine fragmentierte Rekonstruktion von Wazlaw Nischinskis Nachmittag eines Fauns. Hier geht es darum, was ein künstlerisches Original ist und was das Produkt eines verborgenen Austauschsystems. Vertauscht werden nicht nur Motive und Szenen, sondern auch Bewegungen und Gesten.

De Keersmaekers Tanzstil aus Destabilisierungen und daraus generierten Schwüngen wie Schleifen werden durch Nischinskis Muster ebenso gebrochen wie durch jene von Saunier, der Wooster Group und solche eines weiteren Choreografen (David Hernandez) bzw. durch Zitate aus Blow Up. De Keersmaeker spielt ihre eigene Beobachterin, sie überwacht sich selbst, wie sie etwas Fremdes in ihre Terrains eindringen lässt. Und das erinnert verblüffend an Philip K. Dicks Roman A Scanner Darkly, in dem sich ein Mann selbst bei einem Verbrechen beobachtet. Was in den einzelnen Szenen getanzt wird, wirkt wie das Protokoll der "Spionin"De Keersmaeker, die sich selbst überwacht.

Auch die Musik übernimmt dabei eine Doppelrolle, wird einmal wie Tanzmusik, dann wieder wie Filmmusik eingesetzt. Die berühmten Werke von Debussy und Strawinsky spielen mit der Aura des Kunstwerks; die beiden Stücke von Benjamin handeln dagegen im Kern von De Keersmaekers Instrumentarien Tanz und Literatur. Hier spielt der Komponist in dunklen Klangräumen mit Suspense und Zitaten. Zwischen diese beiden Werke ist die Pause gesetzt - als Einbruch der Wirklichkeit.

Die Realität und die Poetik des Körpers sind nur als Hypothesen "wirklich". Mit diesem Fazit resümiert De Keersmaeker nicht nur unsere Welt der Trugbilder, sondern auch das Gespenst ihres eigenen Werks. Sie lockt den Blick ihres Publikums auf schönen Tanz. Unter dieser Oberfläche bewegen sich jene medialen Wiedergänger, die unsere Wirklichkeit zusammenschustern. Deren Unheimlichkeit ist zu spüren, und sie hat die Premierenzuschauer verunsichert. Verständlicherweise. (Helmut Ploebst, DER STANDARD, Printausgabe vom 15./16.7.2006)

  • Eine der Figuren ist im Begriff, auszubrechen: Anne Teresa De Keersmaekers Choreografie "D'un soir un jour"
    foto: impulstanz/sorgeloos

    Eine der Figuren ist im Begriff, auszubrechen: Anne Teresa De Keersmaekers Choreografie "D'un soir un jour"

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