Kobersdorf: Mackies geböckeltes Messer

15. Juli 2006, 11:18
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"Dreigroschenoper" bei den Schlossspielen Kobersdorf mit Trautmann'schem Einschlag

Kobersdorf - Die im Vorjahr mit Molnárs Liliom begonnene Richtungsänderung der Schlossfestspiele im mittelburgenländischen Kobersdorf ist mit der heurigen Inszenierung beinahe schon zum Weg geworden.

In der richtigen Erkenntnis, dass die "klassische Komödie" den Sommer geradezu oligarchisch beherrscht, wollte Wolfgang Böck seine Intendanz unter die Regentschaft der Zwischentöne stellen, auf dass so ein Abend nicht nur fröhlich, sondern auch heiter verlaufen könne. Und also auch ein wenig nachdenklich, denn die Heiterkeit verlangt ja, im Gegensatz zum Schenkelklopfen, die Nachdenklichkeit.

Natürlich ist die bei der Dreigroschenoper fast zugekleistert worden durch die Geschichte des Bert-Brecht-Schauens. Der Blick auf seine Kritik an den Verhältnissen, die eben so seien, wie sie seien, der Blick auf seinen hämischen Grant dominiert zuweilen den Umstand, dass Brecht auch über eine ungemein zupackende Theaterpranke verfügt hat. Besten Dank also an Regisseur Werner Prinz, dass er dem im Kobersdorfer Schlosshof so deutlich Rechnung getragen, Brechts Spitzen nicht durch Outrage die Spitzen genommen hat.

Intendantenführen

Was Werner Prinz beim hoffentlich nächsten Mal nur bedenken müsste, ist, dass auch ein Intendant geführt zu werden hat, wenn er schauspielert. Wolfgang Böck hat, wie schon voriges Jahr den Liliom, den Mackie Messer als Bühnenversion des Trautmann angelegt. In einem Stück, das die Berliner Schnauze nach London verlegt hat, irritiert es zuweilen, wenn der Protagonist in den Ton des Wiener Fernsehkommissars verfällt, in dem im Fall des laut zu artikulierenden Ärgers der Tisch zum Täsch wird und Inspektor Smith zu Smäth.

So was wäre womöglich vernachlässigbar, würden einen die Mitspieler durch ihr Spiel nicht ständig daran erinnern. Vor allem die Familie Peachum, Mackie Messers Galgenvögel sozusagen, füllen das Zirkusrund des Bühnenbildes mit der von Brecht geforderten Intensität - stets am Bruch.

Vera Borek und Toni Slama stellen ein prachtvoll bösartiges Paar auf jene Bretter, die nicht die Welt bedeuten, sondern bloß Bretter, die die Welt bedeuten. Und zwar genau so, wie Brecht es gewollt hat. Ihre Tochter Polly, Mackies Hauptopfer im Stück, beherrscht den dreistündigen, kurzweiligen Abend, tatkräftig unterstützt vom restlichen Ensemble, das zum Teil gekonnt von Rolle zu Rolle springt.

Dass Kobersdorf den Abend lohnt, hält, was es verspricht, hat sich herumgesprochen. Die angesetzten Aufführungen sind zum großen Teil schon ausverkauft, jetzt überlegt Wolfgang Böck deshalb eine Verlängerung der Saison bis in den August. (Wolfgang Weisgram , DER STANDARD, Printausgabe vom 15./16.7.2006)

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    foto: schlossspiele kobersdorf
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