"Er war völlig zurechnungsfähig"

14. Juli 2006, 19:32
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Tschetschenien-Experte Andrej Babitsky im STANDARD-Interview über die Folgen der Ermordung des Terroristenführers Bassajew

Babitsky hatte 2005 als einziger Journalist Zugang zu Bassajew. Mit ihm sprach Eduard Steiner.

STANDARD: Nach dem Tod des tschetschenischen Terroristenführers Schamil Bassajew herrscht wohl kein Zweifel mehr am Erfolg Moskaus?

Babitsky: Ja, wenn die Explosion kein Unfall war. Der Tod kommt Moskau zweifellos sehr entgegen, weil er die Position des tschetschenischen Untergrunds ernsthaft schwächt. Aber schon in den letzten Jahre ist der Widerstand im Abklingen, weil es an Ressourcen und Leuten zu fehlen scheint. Und die russischen Militär- und Polizeistrukturen sowie die Geheimdienste haben ihr Agenturnetz verbessert, das Niveau der Kontrolle wächst.

STANDARD: Ist der Weg frei zu einer Stabilisierung der Region?

Babitsky: Das denke ich nicht. Denn trotz allem ist der Untergrund ja nicht verschwunden. Er hat nur einen seiner begabtesten Kriegsherrn verloren. Der Konflikt läuft ja aufgrund einer Idee, die in den Köpfen der Menschen sitzt. Außerdem bleiben ja noch Führer übrig, wie etwa Dokar Umarow. Die Kampfhandlungen in Tschetschenien hat vor allem er angeführt.

STANDARD: Würde man den Widerstand mit der Ermordung Umarows endgültig brechen?

Babitsky: Es ist möglich, dass sich selbst mit der Beseitigung aller Führer die Situation nicht ändert.

STANDARD: Was wäre nötig?

Babitsky: Erstmals müssen alle, die an der Ermordung von Zivilisten, an Folter oder Entführungen teilgenommen haben, Verantwortung tragen. Außerdem scheint mir ein echtes Referendum nötig. Ich halte durchaus für möglich, dass die Mehrheit der Tschetschenen nicht von Russland getrennt sein will. Aber ich kann mich nicht davon überzeugen, denn bei allem was dort vor sich geht, ist nicht zu sehen, was die Mehrheit der Tschetschenen will.

STANDARD: Ist die Lage einigermaßen unter Kontrolle?

Babitsky: Ich erinnere mich gut an die Sowjetzeit. Diktaturen und totalitäre Staaten verstehen sich gut darauf, mit der Kriminalität fertig zu werden. Das gehört zu ihrem Wesen. So gesehen gibt es wahrscheinlich irgendeine Stabilisierung - aber um welchen Preis?

STANDARD: Vielleicht, damit das Morden aufhört?

Babitsky: Ramsan Kadyrow (moskautreuer Premier Anm. d. Red.) ist ein begabter Diktator. Mit dem Schrecken, den er verbreitet, ist er erfolgreich. Er raubt die Bevölkerung aus. Mit dem Geld, das er Beamten und Unternehmern abnimmt, baut er einiges wieder auf.

STANDARD: Welchen Eindruck hat Bassajew beim Interview auf Sie hinterlassen?

Babitsky: Ich kenne ihn lange. Er war ein Mensch, der sich im Recht sah, über das Leben anderer Menschen zu verfügen. Er war völlig zurechnungsfähig und entschlossen, seinen Kampf zum siegreichen Ende zu führen. Als dieser besondere Menschentyp des Terroristen war er überzeugt, alles richtig zu machen.

STANDARD: Würden Sie auch Bin Laden interviewen?

Babitsky: Nein, denn das ist nicht mein Thema, und ich kenne ihn schlecht. Mich interessiert Tschetschenien. Dass Russland ungehalten war über mein Interview mit Bassajew, verstehe ich nicht sehr gut. Ich denke, das hat damit zu tun, dass das Interview die Effizienz der russischen Geheimdienste in Frage gestellt hat.

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    Zur Person

    Andrej Babitsky (42) arbeitet für Radio Free Europe. 2000 wurde er von russischen Truppen festgenommen und gegen Gefangene ausgetauscht.

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