Operettenschiff am Trockendock

16. Juli 2006, 19:05
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Franz Lehárs "Graf von Luxemburg" bei den Mörbischer Seefestspielen - Premiere vom Publikum wohl stark akklamiert, vor allem aber eine Harald-Serafin-One-Man-Show

Am Neusiedler See regiert heuer Franz Lehárs "Graf von Luxemburg". Die diesjährige Premiere der Mörbischer Seefestspiele wurde vom Publikum wohl stark akklamiert, sie erwies sich aber vor allem als eine Harald-Serafin-One-Man-Show

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Mörbisch - Man soll sich von der Bezeichnung "Seebühne"im Fall von Mörbisch nicht irreführen lassen. In Wirklichkeit entpuppt sie sich als firmes Trockendock, von dem Franz Lehárs Graf von Luxemburgam Donnerstag, begleitet von großem Publikumshallo, erfolgreich vom Stapel lief.

Dass er untergeht, ist so gut wie unmöglich. Denn der Neusiedler See ist noch viel seichter als das, was man im Verlauf dieses dreistündigen Sommernachts(alb)traums von der heilen Welt der Operette zu hören und zu sehen bekam.

Vor allem das labyrinthische Paris-Dekor, das Rolf Langenfass - mitsamt der Kirche Sacré-CSur im Hintergrund - fantasievoll und mit viel Freude am Detail hingebaut hat, würde, sollte dieses Lehár-Schiff tatsächlich auf Grund laufen, trotzdem noch weithin sichtbar bleiben.

Und dass auch nur einer von dessen Besatzung - oder gar die ganze Produktion - baden geht, ist ohnehin so gut wie unmöglich, heißt der Kapitän doch Harald Serafin.

Kapitän ist in seinem Fall ja wohl zu wenig gesagt. Er ist Reeder, Kapitän, Steuermann in einem und hat die Mannschaft, die er sich zusammengeholt hat, um wieder ins Meer der Operettenträume zu stechen, fest im Griff.

Nicht nur die auf der Bühne, auch die im Zuschauerraum. Vor allem die zahlreichen in der ersten Reihe sitzenden Stützen der Gesellschaft, die seine mit uneinholbarer Meisterschaft beständig zwischen untertäniger Ehr- erbietung und unmissverständlicher Ironie wechselnden Grußadressen unter allgemeinem dröhnenden Gewieher lammfromm über sich ergehen lassen müssen.

Da sage noch einer, die Operette hat nichts mit der Wirklichkeit zu tun. Das war politisches Kabarett vom Feinsten.

Mit solcher Brillanz kann es freilich nicht weitergehen. Wenn das Stück beginnt, ist der Spaß dann zunächst einmal vorbei.

Showbusiness

Auch wenn Regisseur Dietmar Pflegerl zum Auftakt alle Register des Showbusiness zieht und mit einer Reihe von Rolf Langenfass mit sehenswerter Opulenz dekorierten und von fantastischen Gestalten belebten Karnevalsgefährte vorbeiziehen lässt.

Beinah steht da schon zu befürchten, dass dieser ganze Graf von Luxemburgauch dank Giorgio Madias omnipräsenter Choreografie unter deren Räder kommt. Das tut er freilich nicht. Im Gegenteil - Pflegerl exponiert die Story sehr ausführlich. Der verarmte Titelheld heiratet gegen ein Honorar von 500.000 Gulden Angèle, die Angebetete eines russischen Fürsten. Dass René, der Graf, seine Frau bei der Eheschließung nicht einmal sehen darf und mit ihr nur durch einen Schlitz in der Leinwand eines von seinem Freund gemalten Bildes die Ringe tauschen muss, ist ja sehr sauber inszeniert.

Doch wirklich so richtig in Fahrt kommt die Handlung immer nur dann, wenn Harald Serafin als heiratstoller Fürst in Aktion tritt und diesen ganzen Grafen von Luxemburg zur Einmannshow macht.

Dieser Eindruck entsteht allerdings nicht etwa, weil alle übrigen Mitwirkenden so blässliche Gestalten sind, sondern weil der zentrale Teil einer jeden Operettenproduktion, und dies ganz besonders im Fall einer Lehár-Operette, nämlich die Musik im akustischen Outfit eines Kofferradios daherkommt.

Verwirrende Akustik

Was nutzt es, wenn Rudolf Bibl als einer der letzten Grals- hüter der leichten Muse jede Nuance in Instrumentation, Rhythmik, Melodik und Dynamik mit vollendeter Eleganz der emotionalen szenischen Situation anzupassen weiß, wenn dann das Orchester über die zum Übersteuern neigenden Verstärker klingt wie ein billiger Synthi im Strandbad von nebenan.

Nicht genug damit, sorgen die nach unerfindlichem Ratschluss über die Bühne verteilten Verstärkeranlagen überdies für häufige szenische Verwirrungen. Denn die Stimmen der Solisten werden nicht selten an einem Ort vernehmbar, wo sich diese gar nicht befinden. So ist mitunter ein langes Suchen nötig, bis man die singende Gestalt in der wogenden Menge entdeckt.

Daher lassen sich über die solistischen Qualitäten der einzelnen Akteure nur allgemeine Vermutungen anstellen. Etwa dass Anja-Nina Bahrmann und Marko Kathol vor allem auch darstellerisch ein ziemlich perfektes Buffopaar sind und Gesa Hoppe als Angèle möglicherweise tatsächlich eine Operettendiva ist. Während Michael Suttner als ihr Partner in der Titelpartie nicht alle Anforderungen abdeckt, die man an einen strahlenden Tenor stellt.

Im darstellerischen Temperament ihrem Partner, Harald Serafin, ebenbürtig erwies sich lediglich Marika Lichter in der Rolle der alten Freundin des russischen Fürsten.

Ihr Auftritt erfolgt aber zu spät. Da ist aus der Handlung schon lange die Luft draußen, und das Geschehen bewegt sich auf Stadttheater-Niveau.

Was bleibt also in Erinnerung von diesem Operetten(alb)traum einer Sommernacht? Ein prächtiger Lichtvorhang zu Beginn des zweiten Aktes, zahme Gelsen, die nicht stechen, und ein malerisch verbeulter Vollmond über dem See. (Peter Vujica, DER STANDARD, Printausgabe vom 15./16.7.2006)

  • Artikelbild
    pressefoto: seefestspiele mörbisch/lichtstark.com
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