Strand gut auf Laesö!

22. April 2007, 15:15
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Dass die Laesöer ihre Häuser aus dem Strandgut Schiffbrüchiger gebaut haben, ist Geschichte. Geblieben sind äußerst hübsche Ferienhäuser

Genau hundert Minuten dauert die Überfahrt mit dem Fährschiff vom dänischen Frederickshavn über das Kattegat nach Laesö. Dann haben wir die Insel erreicht, auf der nach altgermanischer Sage der nordische Meeresgott Aegir, auch Lae genannt, sich oft aufgehalten habe. Groß ist Laes Paradies ja nicht, das noch immer als Geheimtipp hinter vorgehaltener Hand gehandelt wird.

Aber wie es sich für eine Götterresidenz gehört, erscheint sie uns paradiesisch unberührt, als wir am ersten Ferienmorgen draußen sitzen im Garten vor unserem Ferienhäuschen und sehen, wie ringsum rote Orchideen blühen und gelbe Lilien, wie blaue Waldbeeren leuchten und orangefarbene Pilze. Wir hören das Rauschen der Ostsee, die mit kleinen weißen Schaumkämmen gegen den Strand läuft, und erkennen hinter den Bäumen das leuchtend rote Dach der alten Kirche von Vesteröhavn.

Versteröhavn, Anlegeplatz der Fährschiffe, die Laesö mit der Außenwelt verbinden, ist eines der drei kleinen Dörfer, die es heute noch auf der Insel gibt. Österby und Byrum sind die beiden anderen. Von Hals, einem vierten Inseldorf, blieben nur ein paar Ruinen in den Dünen. Im 17. Jahrhundert ging es im Flugsand unter. Der Bummel durch die Dörfer wird zum Museumsbesuch. Noch fast zwei Dutzend der alten Bauern- und Fischerhäuser auf Laesö, alte schwarz-weiße Fachwerkhäuser, ducken sich unter fast einen Meter dicken Dächern aus Seetang, auf denen Dutzende bunter Blumen blühen. Und vor manch einem Fischerhaus sind die frisch gefangenen Schollen wie kleine Tücher zum Trocknen auf Leinen gehängt.

Gebaut wurden die Häuser früher aus dem Balkenwerk gestrandeter Schiffe. Die Laesinger galten damals, Gott Lae sei's geklagt, als arge Strandräuber. Sie lockten so manches Schiff mit Feuerzeichen vor ihre Insel, wenn wieder einmal ein neues Haus gebaut werden sollte. Doch das ist lange vorbei, die Laesinger sind brav und fromm, und ihre Inselkirchen gehören zu den schönsten und ältesten Dorfkirchen Dänemarks.

Sackhüpfen

Manchmal fahren wir von unserem Häuschen bei Vesteröhavn mit dem Inselbus nach Österby und kaufen Fisch. Den bekommen wir am Kutter so frisch, dass er manchmal bei der Heimfahrt in unser Häuschen aus dem Sackerl springen möchte. Nachmittags mieten wir uns Fahrräder, fahren kreuz und quer über die Insel. Über schmale Straßen, an deren Rand blühende Weidenröschen mannshoch stehen und roter Odermennig. Über kleine Heckenwege radeln wir zu verstreut in den Wiesen, im Wald, auf der Heide oder am Strand liegenden Gehöften, wo wir Milch trinken oder Erdbeeren und frische Eier kaufen können. Oder wir faulenzen an einem der vielen schönen feinsandigen Strände in der Sonne, schauen zu den kleinen vorgelagerten Inselchen und schwelgen im Duft der Kamtschatkarosen, die überall in den Dünen blühen. Diese Dünen ragen an manchen Stellen bis zu 50 Meter hoch auf, und hin und wieder kann es am Spätnachmittag geschehen, dass sich junge Seehunde unter die badenden Kinder mischen, als ob sie mit spielen wollten.

Zu den Inselchen können wir nur zu Fuß gelangen, mit hochgekrempelten Hosenbeinen, barfuß über den Schlickboden durch das lauwarme seichte Wasser. Einmal in der Woche fährt aber auch von Byrum aus ein Pferdewagen oder ein Traktor mit Anhänger, voll gepackt mit Urlaubern, zur Insel Hornfiskroen. Manchmal springen Kinder während der Fahrt ab, laufen nebenher und platschen durch das Wasser oder öffnen und schließen die Weidegatter, die das Gefährt passieren muss.

Warmer Plunder

Ein Viehschuppen ist das einzige Gehöft auf dem Inselchen, weiße Kühe sind neben den Möwen die einzigen Bewohner. Eine Stunde Zeit lässt der Kutscher uns auf Hornfiskroen. Gerade genug, damit wir uns in das Meer von Strandflieder und Tausendgüldenkraut setzen und die noch warmen Plunderteilchen aus der Bäckerei in Byrum essen können.

An unserem letzten Samstag erleben wir das Hafenfest in Vesteröhavn. Aus allen Inseldörfern kommen Männer, Frauen und Kinder in ihren festlichen, bunten Trachten, die sie sonst nie mehr tragen. Die kostbare mit viel Silberschmuck versehene Tracht der Frauen soll einst von Königin Margarethe I. im Mittelalter den Insulanern geschenkt worden sein, als Dank für die Rettung der Königin aus Seenot. Ob die Laesinger da wieder ein Haus bauen wollten und nicht wussten, wer auf dem Schiff war?

Als wir schließlich auf das Angebot des Tourismusbüros stoßen, selbst den Blockhausbau zu versuchen, bedauern wir natürlich, dass wir das nicht eher erfahren haben. Dann hätten wir uns das Ferienhaus vielleicht selbst aus gestrandeten Schiffen errichten können. Aber so entscheiden wir uns dafür, die Kunst des Salzsiedens zu erlernen, und nehmen zum Abschied selbst Gewonnenes mit als Erinnerung an den salzigen Geschmack der Ostsee zu Haus. (Christoph Wendt, Der Standard, Printausgabe 15./16.7.2006)

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    foto: der standard
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