"Leidenschaft" zum Feiertag der Nation

31. Juli 2006, 12:33
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Betont harmonisch beging Frankreich am Freitag seinen Nationalfeiertag

Ohne Streit, ohne unhöfliche Fragen und ohne "Leidenschaft", das Motto des Tages. Kein Wort auch über die Krawalle in der Banlieue, wo in der Nacht zum Freitag 51 Autos brannten.

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Das Ritual beginnt mit einem Donnern. Mit rotweißblauen Rauchstreifen ziehen die Kampfflugzeuge über Paris hinweg, dann folgen auf der großen Flaniermeile der französischen Hauptstadt, den Champs-Elysées, Regimenter im Sonntagsputz, 55 Tonnen schwere Leclerc-Panzer und bärtige Fremdenlegionäre, die Spaltaxt geschultert. Alles ist wie immer: Sonne, Marschmusik, die Zuschauermassen, die in den hinteren Reihen mit Periskop-Spiegeln über die Köpfe hinweg jedes Detail des Truppenumzugs zum Quatorze Juillet, dem 14. Juli und französischen Nationalfeiertag, verfolgen. Fast alles.

Alles - bis auf die Details: "Leidenschaft"lautete das Motto des diesjährigen Défilés, und ein Offizier erklärt, das bedeute "die Leidenschaft der Militärs im Dienste Frankreichs". Punkt 13 Uhr, das heißt zum familiären Feiertagsessen, spricht dann der Staatschef zur Fernseh-Nation und lobt die soziale Kohäsion der Armee. Auch wenn Jacques Chirac die Bürgerarmee vor zehn Jahren selbst durch Berufstruppen ersetzt hat. Die Journalisten stellen dem 73-jährigen Präsidenten auch nicht die unhöfliche Frage, ob das nun vor den anstehenden Wahlen sein letzter 14. Juli im Elysée-Palas gewesen sei. Sogar Chiracs ungeduldiger Möchtegern-Nachfolger Nicolas Sarkozy zeigt sich in Begleitung seiner widerspenstigen Gattin Cécilia kurz, aber versöhnlich bei der Gardenparty im Elysée-Palast. Noch vor nicht langer Zeit hatte die öffentlich mit einem anderen geturtelt.

Natürlich spricht auch niemand von den neuen Krawallen, die vor dem Nationalfeiertag den Nordosten von Paris heimgesucht haben. 51 Autos brannten in der Nacht auf Freitag aus, 41 Banlieue-Jugendliche wurden verhaftet. Doch das gehört mittlerweile auch fast zum Ritual, wie die abendlichen Bälle in allen französischen Feuerwehrlokalen und dem abendlichen Großfeuerwerk über Paris, mit dem der Staatspräsident die Bürger in die wohl verdienten Sommerferien entlässt.

Fußball-WM-Effekt

Vielleicht hat der gesundheitlich und politisch angeschlagene Chirac in der neuesten Umfrage deshalb fünf Punkte zugelegt? Oder "muss man da einen Fußball-WM-Effekt sehen", wie die Zeitung Figarohellsichtig fragt? Oder gewinnt er an Popularität, weil er wie einst der König zur Feier des Tages einen Gnadenakt erlässt und ein paar tausend Gefängnisinsassen auf freien Fuß setzt?

Auch das gehört zum Brauch des Quatorze Juillet, inklusive der kleinen persönlichen Note, die sich der Staatspräsident erlauben darf: Chirac hat diesmal die Haftstrafen wegen Gewalt in der Ehe von der Amnestie ausgenommen.

Teil des Rituals ist auch, dass die Kommunisten die republikanische Marseillaise noch lauter singen als andere, während rechtskonservative Kreise bedauern, dass die Vaterlandsliebe auch nicht mehr ist, was sie einmal war: "In diesem tausendjährigen Land braucht es nur noch zwei bis drei Generationen an Gleichgültigkeit und Ballspielen und Fußballhelden als einzige Werte, bis dieser Nihilismus die letzten Spuren des ,französischen Geistes'zum Verschwinden bringt", verzweifelt der stadtbekannte Leitartikler Ivan Rioufol zum Nationalfeiertag.

Vaterlandsliebe

Die übrigen Franzosen hinterfragen am Quatorze Juillet gar nicht erst, was nun ein guter Patriot ist: Sie sind es von vornherein. Lieber begaben sie sich gestern Abend zu einem der "republikanischen Picknicks", die in über hundert Provinzstädten über das ganze Land organisiert wurden. In Frankreich geht nämlich auch die Vaterlandsliebe durch den Magen.

Viele Auswärtige fragten sich, warum in der Grande Nation während der Fußball-WM die rotweißblaue Trikolore nur selten an Wohnungsfenstern und auf T-Shirts zu sehen war. Weil die Franzosen etwa doch keine guten Patrioten sind? Nein, im Gegenteil: Weil die Einstellung zu ihrer Nation für sie eine Selbstverständlichkeit ist. (Stefan Brändle aus Paris/DER STANDARD, Printausgabe, 15.7.2006)

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