Das Kreuz mit dem Kreuz

25. Juli 2006, 15:25
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Spanien bewältigt seine Vergangenheit nur schwer: Das Franco-Mausoleum ist dafür symptomatisch

Spaniens Diktator Francisco Franco überragt alles. Wer die Autobahn von Madrid in Richtung Nordwesten nimmt, kommt nicht umhin, an den "Caudillo" - den Führer -, der fast 40 Jahre das Land mit eiserner Faust regierte, erinnert zu werden. Die Silhouette eines riesiges steinernen Kreuzes auf einem Felsen ist nicht zu übersehen. Cuelgamuros heißt der halbrunde Talkessel, umringt von den Bergen der Sierra de Guadarrama. Seit der "Generalisimo" in den 40er- und 50er-Jahren dort eine 260 Meter lange Kathedrale in den Berg schlagen ließ, in der neben dem Gründer der faschistischen Falange, José Antonio Primo de Rivera, und den 40.000 Opfern des spanischen Bürgerkrieges auch Diktator Franco selbst seit seinem Ableben am 20. November 1975 beerdigt liegt, heißt die Gegend nur noch "El Valle de los Caídos" - das Tal der Gefallenen. Den einen ist es ein Stachel im Fleisch der Demokratie, den anderen ein Denkmal an bessere Zeiten - und wieder andere bestrafen das Monument einfach mit konsequenter Nichtbeachtung.

Dennoch bestimmt das Bauwerk, das von 14.000 republikanischen Zwangsarbeitern in 18-jähriger Arbeit unter unmenschlichen Bedingungen in den Granit getrieben wurde, dieser Tage wieder die politische Debatte, wie immer, wenn runde Jahrestage begangen werden. Vergangenes Jahr jährte sich der Tod des Diktators zum 30. Mal. An einem Gedenkgottesdienst der Ewiggestrigen, denen es auch heute nicht an Nachwuchs fehlt, nahmen über 6000 Menschen Teil. Die Fahnen der Faschisten und die des vordemokratischen Spaniens wehten auf dem Vorplatz der Felsenkathedrale. Springerstiefel, aber auch teure Anzüge und Pelzmäntel gehörten zum Outfit, je nachdem, ob kahlrasierter Straßenkämpfer von heute oder Regimegänger von gestern. "Franco ein vorbildlicher Christ" lautet das Standardwerk, das bei solchen Anlässen verkauft wird. Der Abt des Klosters im Valle de los Caídos scheint nichts dagegen zu haben. Er liest gerne die alljährliche Messe.

Ginge es nach den Opferverbänden, wäre schon bald Schluss mit dem Spuk. Sie wollen einen anderen Jahrestag nutzen, um das Monument Francos zum Monument seiner Opfer umzufunktionieren. Dieser Tage jährt sich die Spanische Republik zum 75. Mal und der Bürgerkrieg, mit dem Franco und seine Generäle dem demokratischen Experiment ein Ende setzten, zum 70. Mal. "Als ersten Schritt muss eine ständige Ausstellung her, in der erklärt wird, wer wann und wie das Monument gebaut hat", erklärt Emilio Silva, der Vorsitzende der Vereinigung zur Wiedererlangung der historischen Erinnerung. Später dann sähe er gerne ein Museum über die Gräueltaten der Diktatur neben der Basilika. Die Familie Franco müsse dann selbstverständlich den Toten exhumieren und auf einen normalen Friedhof überführen. Die Abgeordneten der linken Parteien und der Nationalisten stehen diesem Ansinnen positiv gegenüber. Die Konservativen lehnen diese Pläne ab.

Der junge Journalist Emilio Silva hat selbst Großvater und Großonkel im Krieg verloren. Als "Rote" verschrien, wurden sie abgeholt, aufs Feld geführt, erschossen und einfach verscharrt. Vor sechs Jahren suchte Emilio die sterblichen Überreste mit einigen Freunden zusammen und ließ die beiden ordentlich bestatten. Ein Beispiel, das Nachahmer fand. Überall in Spanien werden mittlerweile Massengräber gesucht. Ein DNA-Analyse erlaubt dann die Bestattung mit Namen. Auf 300.000 bis 400.000 schätzen Historiker die Opfer der Repression in den Jahren bis 1945 in den von Franco kontrollierten Gebieten. Die meisten "verschwanden" ganz einfach.

Die Hälfte der 40.000 Bürgerkriegsopfer, die Seite an Seite mit Franco im Valle de los Caídos beerdigt liegen, stammen aus solchen Massengräbern. Das Regime ließ sie ausgraben und in einem Akt der "Aussöhnung", so die frankistische Propaganda, dort zusammen mit Gefallenen aus Francos Truppen beerdigen. "Keiner hat je die Familien gefragt", beschwert sich Silva, der diejenigen verteidigt, die ihre Toten der verhassten Gesellschaft entreißen wollen, um sie zu Hause auf dem Friedhof zu bestatten. Das Ganze hat nur einen Haken: "Die Archive mit den Listen, woher die Toten stammen, sind im Kloster unter Verschluss." Es ist so gut wie unmöglich, Einblick zu erhalten.

---> "Mehr traut sich die Regierung nicht"

Zwar gibt es seit knapp zwei Jahren - dank der sozialistischen Regierung unter José Luis Rodríguez Zapatero - eine interministerielle Kommission für die Wiedergutmachung an den Opfern des Bürgerkrieges, doch Ergebnisse hat sie nur wenige vorzuweisen. Während sowohl die EU- Kommission als auch das Europaparlament den Frankismus in diesem Jahr offiziell verurteilt haben, reichte es im spanischen Parlament vor wenigen Wochen gerade einmal zu der Ausrufung eines Jahres "des historischen Gedenkens". In den noch verbleibenden sechs Monaten sollen eine Gedenkmedaille und eine Briefmarke aufgelegt werden. "Mehr traut sich die Regierung nicht", beschwert sich Journalist Silva, der seit Jahren vergebens öffentliche Mittel für die Suche von Massengräbern fordert.

Die Vergangenheitsbewältigung gestaltet sich schwierig. Denn der Übergang zur Demokratie Ende der 70er-Jahre war von einem Schweigepakt geprägt. Keine Prozesse gegen ehemalige Schergen des Regimes, keine offiziellen Resolutionen - die Vergangenheit wurde ganz einfach verdrängt. "Freiheit ohne Hass" hieß der Song zur Einführung der Verfassung. Den Opfern blieb nicht anderes übrig, als ihr Leid zu schlucken. Was so manchen außen stehenden Beobachter verwundern mag, findet in Spanien trotz der Schlagzeilen über die Exhumierung von Massengräbern breite Zustimmung. Anlässlich des 25. Todestages Francos im Jahr 2000 zeigten sich bei einer Umfrage 81 Prozent der Spanier "stolz darüber, wie der Übergang zur Demokratie vonstatten ging".

So geht jede Gemeinde auf ihre Art mit der Vergangenheit um. Vielerorts gibt es noch immer Straßen des Generalisimos oder Plätze des Caudillos. Selbst in der Hauptstadt Madrid, wo vor Kurzem immerhin die letzte Statue des Diktators bei Nacht und Nebel in eine Lagerhalle verfrachtet wurde.

Auch die Historiker sind sich nicht einig, wie mit der Vergangenheit und mit dem Stein gewordenen Grauen in der Sierra bei Madrid zu verfahren sei. Während einige den Journalisten Silva und seine Angehörigenvereinigung unterstützen, warnen andere wiederum davor, die Wunden wieder aufzureißen, so etwa der Grundtenor des Geschichtswissenschafters Santos Juliá Anfang Juli in der linksliberalen Tageszeitung El País. "Die moralische Anerkennung aller Opfer des Bürgerkrieges und der Diktatur. Das ist die einzig mögliche politische Erklärung über die Vergangenheit", schreibt er. "Ansonsten ist es am besten, das Gedenken den Bürgern zu überlassen, fernab der politischen Instrumentalisierung. Es ist am besten den Bau von Gedenkzentren zu vergessen und stattdessen Bibliotheken und Archive mit mehr Mitteln auszustatten. (...) Denn wie die Menschen selbst sind auch die historischen Erinnerungen vielfältig und meistens sehr konfliktbeladen." (Reiner Wandler/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15./16. 7. 2006)

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