Politische Expedition Österreich

15. Juli 2006, 18:41
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Die gleichnamige ORF-Serie war zwar ein veritabler Quotenflop, Österreichs Spitzenpolitiker lassen sich davon aber nicht beirren: Im Wahljahr wird Österreich kreuz und quer bewandert

Das soll modernen Patriotismus signalisieren - und vor allem den Wählern gefallen.

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Wien - Auch Alfred Gusenbauer geht wandern. Am nächsten Sonntag geht es los, da wird der SPÖ-Chef und Spitzenkandidat für die Nationalratswahl am Marktplatz in Kaumberg in Niederösterreich mit seiner Familie zu Fuß in seinen Sommerurlaub starten. Es geht über Stock und Stein, Berg und Tal, man wird auf Berghütten übernachten und den Sonnblick besteigen. Finale ist am 4. August in Bludenz - dann hat Gusenbauer wahlkampfgerecht ganz Österreich durchquert. Organisiert haben die Tour die Naturfreunde, wer will, darf mitlatschen. Wer sich wundert, dass das Burgenland in Gusenbauers Tour fehlt: Im östlichsten Bundesland ist noch eine ausführliche Radtour geplant.

Damit hat sich der SPÖ-Chef einem unausgesprochenen Benimm-Kodex unterworfen, den Spitzenpolitiker im Wahljahr offenbar einhalten müssen: "DjambaFi" in der Karibik - ganz schlecht, Österreich entdecken auf Schusters Rappen - sehr gut. Wieder ganz stark "eingeführt" hat die neue Heimatliebe die ÖVP - die schwarzen Spindoktoren lassen Kanzler Wolfgang Schüssel seit einigen Jahren wandern, bergsteigen, Lieder- und Bergbücher herausgeben, Blumen gießen und gerade aktuell auf Wahlplakaten kristallklares österreichisches Wasser genießen. Auch letztes Jahr schickte die ÖVP ihre Funktionäre im Sommer auf die Alm, das Plakat dazu sah aus wie aus dem Österreich-Tourismuskatalog. Kein schwarzer Minister, der bei den Umfragen der Tageszeitungen heuer nicht "Wandern" als seine liebste Urlaubsbeschäftigung angegeben hat.

Patriotismus spielen

Ganz so neu ist das von der Politik vorexerzierte Wandern als Inbegriff für Heimatliebe nicht. Eine Generation von Schulkindern wuchs etwa in der Ära Fred Sinowatz mit den Wandertagen zum Nationalfeiertag auf. Der kleine Ausflug ins Grüne hat Tradition. "Die Sommerfrische gehörte früher - und gehört noch immer - zu den Statussymbolen des Wiener Bürgertums", erklärt der Sozialhistoriker Ernst Bruckmüller, Autor des Buches "Nation Österreich". "Das Wiener Kleinbürgertum leistete sich dafür eine Reise in die Naherholungsgebiete Kamptal und Mariazell, nur das Proletariat hatte keinen Urlaub im herkömmlichen Sinn." Heute, meint Bruckmüller, würden Politiker beim Wandern eben "Patriotismus spielen".

Wie werbewirksam Wandern in Österreich sein kann, hat auch Bundespräsident Heinz Fischer im Präsidentschaftswahlkampf 2004 vorgeführt. Er ließ sich über eBay ersteigern, "Wandern mit Heinz Fischer" erlöste 3648 Euro, die dem Berufsbildungs- und Forschungszentrum für Blinde gespendet wurden.

Zeithistoriker Oliver Rathkolb, der die österreichischen Identitätsfaktoren in seinem jüngsten Buch "Die paradoxe Republik" nachgezeichnet hat, sieht das "wanderbare Österreich" kritisch: "Es symbolisiert eine Fixierung auf ein traditionelles, bewahrendes Heimatbild. Man sollte überdenken, ob das eine sinnvolle Form des Wahlkampfes ist. Damit wird suggeriert, dass es keine politischen Themen gibt - oder man sie nicht spielen will." Österreichpatriotismus habe schon SPÖ-Kanzler Bruno Kreisky gezielt eingesetzt, vor allem am Ende seiner politischen Laufbahn.

"Schüssels Rot-weiß-rot-Kampagne erinnert mich an Kreiskys letzten Wahlkampf", meint Rathkolb. "Es war sein schwächster."

Der deutsche Patriotismusforscher Volker Kronenberg vom Institut für Politikwissenschaften und Soziologie der Universität Bonn gesteht Schüssel jedenfalls eine "europäische Vorreiterrolle"in Sachen "neuer Patriotismus"zu: Er verkörpere recht erfolgreich eine "neue Schlichtheit", die den Leuten ein "heimeliges Gefühl der Sicherheit" gebe. Anders als früher sei der Nationengedanke nun nicht mehr zwingend im Gegensatz zu Europa zu sehen. Freilich, sagt Kronenberg: "Man muss dabei glaubwürdig bleiben." In Deutschland habe die rot-grüne Regierung zwar Nationalgefühl und Schlichtheit wieder modern gemacht, Kanzler Gerhard Schröder habe aber widersprüchliche Signale gesetzt: "Das geht nicht zusammen mit Designeranzügen, Cohiba, Urlaub in Positano." Zu glaubwürdigem Patriotismus gehöre in jedem Fall "mehr als Wandern": "Man muss auch bereit sein, die eigenen Ansprüche zum Wohle des Gemeinwesens zurückschrauben. Auch, wenn es schmerzt." (von Petra Stuiber und Barbara Tóth/DER STANDARD, Printausgabe, 15.7.2006)

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    Kanzler Schüssel und Wilhelm Molterer während einer Floßfahrt auf der Enns im Jahr 2001.

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