Putins Illusionen

1. März 2007, 15:31
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Wenn der Präsident Russlands Macht langfristig heben will, dann müsste er den Weg Chinas und Indiens gehen

Das große Selbstbewusstsein, mit dem Russlands Präsident Wladimir Putin seinen Gästen auf dem G-8-Gipfel an diesem Wochenende entgegentritt, hat einen guten Grund: der Ölpreis, der durch die Kämpfe im Nahen Osten noch weiter in Höhe klettert. Die Einnahmen aus Öl- und Gasexporten wirken zweifellos als Turbo-Treibstoff für die russische Wirtschaft. Putin und seine Berater sind ebenso überzeugt, dass sie dank ihrer Energievorräte wieder die Rolle einer Weltmacht erringen können, die durch das Ende der Sowjetunion verloren gegangen ist. Dies ist jedoch eine gefährliche Illusion.

Für die meisten Länder haben sich Öl und andere Bodenschätze eher als Fluch denn als Segen erwiesen. Sie fördern Korruption und Ungleichheit und lähmen die echten produktiven wirtschaftlichen Kräfte. Wenn Rohstoffe der entscheidende Faktor für den Wohlstand von Nationen wären, dann wäre der Kongo das reichste Land und die Schweiz das ärmste Land der Welt.

Die Einnahmen aus Bodenschätzen werden in den Boomzeiten meist vergeudet; wenn die Preise fallen, bricht der wirtschaftliche und soziale Katzenjammer aus. Nur wenige hoch entwickelte Länder wie Norwegen und Australien gehen vernünftig mit solch unverdienten Profiten um.

Russland folgt hingegen eher dem Beispiel Nigerias: Die Gewinne werden weder in Technologie noch Menschen investiert, abgesehen von Energie gibt es keine nennenswerten Industrien. Wenn der Ölboom einmal zu Ende geht, dann droht dem Land eine tiefe Krise. China, das sein Erdöl importieren muss, hat trotz aller internen Probleme viel bessere ökonomische Aussichten. Ein Beitritt Russlands zur Welthandelsorganisation wäre ebenso wie die G-8-Mitgliedschaft eine politische Entscheidung, sachlich jedoch noch nicht gerechtfertigt.

In seinen energiegetriebenen Muskelspielen, wie dem Erdgas-Lieferstopp an die Ukraine zu Jahresanfang, geht es Putin weniger um langfristige Wirtschaftskraft als um kurzfristige politische Macht. Wie einst das Atomwaffenarsenal sollen heute die Pipelines als Druckmittel und Statussymbol dienen.

Tatsächlich kann Russland mit der Drohung, den Öl- und Gashahn abzudrehen, einige der ehemaligen Sowjetrepubliken gefügig machen. Aber gegenüber Europa und Asien ist Energie eine stumpfe Waffe. Wenn Russland die Erdgaslieferungen in den Westen stoppt, schadet es sich selbst am meisten. Seine fragile Wirtschaft braucht alle Exporteinnahmen, und Gasprom kann kurzfristig auch keine anderen Märkte finden.

Seit dem Gasstreit im Jänner denkt die EU intensiv über Energiesicherheit nach – und meint damit eine Verringerung der Abhängigkeit von Moskau. Aller Streitigkeiten zum Trotz wird dies gelingen. Und dass ein Ölboykott nicht wirksam ist, hat die Opec schon vor 30 Jahren erleben müssen.

Wenn Putin Russlands Macht langfristig heben will, dann müsste er den Weg Chinas und Indiens gehen. Derzeit kaschiert der hohe Ölpreis bloß den Niedergang der einstigen Weltmacht, den ihr Präsident durch eine unkluge Politik noch beschleunigt. (Eric Frey; DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15./16.7.2006)

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