Ist man Tier oder nicht?

16. Juli 2006, 16:50
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Aktham Suliman von Al Jazeera Berlin wirft einen Blick auf die veränderte Wahrnehmung des arabischen TV-Senders seit 9/11

Schlaining - 1996 wurde Al Jazeera als erster weltweit arabischsprachiger ausstrahlender Nachrichtensehsender gegründet. Das Motto war, so Suliman, ein Gegengewicht zu den Medien der autoritären Regimes herzustellen. Denn die Medienlandschaft in der arabischen Welt war bis Anfang der 90er fest in staatlicher Hand. Mit MBC kam 1991 ein saudischer Unterhaltungssender aus London auf den Markt, ab 2003 mehrten sich arabische Sender mit ausländischer Finanzierung aus Deutschland, den USA oder Großbritannien. Doch vor dem 11. September 2001 waren außer jenen Medien, die meist in der Hand saudischer Geschäftsleute oder Saudi Arabiens waren, Nachrichtensender wie Al Jazeera eine Seltenheit.

Recherchen

"Wir galten genau bis zum 11. September 2001 als Demokratisierer der arabischen Welt. Unsere Maßstäbe waren an denen des Westens angepasst, wir erfanden keine neuen Sendungen oder Theorien und orientierten uns an CNN, BBC oder NTV. Und am 11. September hatten wir dieselben Live-Bilder wie alle anderen. Was auch gut war, denn wo wären wir sonst gelandet?"

Als Al Kaida verdächtigt wurde, ging es los, meint Suliman. Al Jazeera wurde in Zusammenhang mit der Terrorgruppe gebracht und verdächtigt, von ihr finanziert zu werden. "Das hatte natürlich auch mit der Tatsache zu tun, dass wir aus Afghanistan berichteten und Bilder veröffentlichten. Dafür bekamen wir von den Taliban die Erlaubnis. Dass man leicht vor Ort recherchieren könne, sei aber auch genau die Vorteile für arabische Sender, stellt der Journalist fest.

Selbstreflexion

Nach dem 11. September kamen bei Al Jazeera selbst auch vermehrt Fragen auf: "Ob wir nun die arabische Welt vertreten?“ Nie hätte er daran gedacht, dass es so weit kommen würde, dass man sich dieser Identitätsfrage stellen müsse, schildert Suliman. Und auch intern habe sich eine Kluft entwickelt, wenn man zum Beispiel über Geheimdienstaktionen des Westens berichtet oder Bin Laden Bänder zeigt. "Die Selbstreflexion ging bis hin zu der Frage, ob wir ein islamischer Sender sind." Es gebe ja auch christliche Araber, fügt der Journalist hinzu. "Hat 9/11. wirklich mit Arabischsein zu tun, oder wurde uns das aufgezwängt? Haben wir uns von Bin Laden instrumentalisieren lassen?" Seiner Ansicht nach wurde Al Jazeera in eine Rolle hineingepresst.

Wahrnehmung

Auch der Blick auf sich selbst habe sich nach dem 11.September geändert. "Zuvor wurden wir gefeiert und man war Europa gegenüber offener." Danach kam ein anderer Blick von außen, der ein anderes Selbstbild erzeugte, so Suliman. Die Wahrnehmung änderte sich zum Teil auch durch Leute, die nur das sehen, was sie sehen wollen, kritisiert er. "Und durch die Wahrnehmung unseres Publikums. Viele dachten, dass nun Araber im Westen gejagt würden, dass man nur mit einem Kreuz auf der Brust durch die Straßen von Europas Städte gehen könne." Doch es sei auch damals darum gegangen, ein differenziertes Bild zu bringen: "Themen wie die Sicherheitspakete in Deutschland, die verschärften Gesetzte in den USA , CIA-Entführungen und Verhaftungen ohne gesetzliche Legitimation machen die Arbeit schwer. Denn man kann nicht positiv über etwas berichten, das nicht positiv ist", meint Suliman.

Zivilisation

Die Mohammed-Karikaturen sieht er als den Höhepunkt der Entwicklung seit 2001: "Mediale Realität wurde wirklich real und hochgeschaukelt." Mehr Fragen als Fakten habe jene Situation damals intern aufgeworfen: "Darf ein Medium die Aufgaben der Aufklärung ganz sein lassen? Wie können wir neutral darüber berichten?“ Überspitzt formuliert Suliman am Schluss den Bruch, der zwischen dem Abend- und dem Morgenland liegt: "Ist man Tier oder nicht?" Der deutsche Kanzler Schröder sprach nach dem 9/11 vom Krieg gegen die Zivilisation, erinnert er sich. Dieses Bild habe die Wahrnehmung des Westens entscheidend verändert und bis heute geprägt. (hag)

  • Zur Person Aktham Suliman ist Büroleiter und Korrespondent von Al Jazeera in  Berlin.
    foto: hager

    Zur Person

    Aktham Suliman ist Büroleiter und Korrespondent von Al Jazeera in Berlin.

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