Blairs Bankomat macht Schwierigkeiten

17. Juli 2006, 14:17
1 Posting

Lord-Titel für Parteispende: Schwerer Verdacht gegen Geldbeschaffer der Labour Party

Im Sommer liegt ein Bild vom vom Baden am Meer nahe. "Die Wellen plätschern schon gegen Tony Blairs Knöchel", sagt Alex Salmond und malt aus, wie die Szene am Ärmelkanal enden wird: Bald steht dem britischen Premier das Wasser bis zum Hals, und irgendwann schlagen die Wellen über ihm zusammen.

Salmond führt die Scottish National Party, eine kleine Partei, die Schottland von der Union der Briten abspalten möchte. Auf ihren Antrag hin ermittelt Scotland Yard, ob etwas ist an dem Gerücht, dass sich betuchte Spender den Titel eines Lords kaufen können, solange ihr Geld in die Kassen der Labour Party fließt und sie strikteste Diskretion wahren.

"Lord Cashpoint"

Seit März sind die Detektive dran an dem Fall. Spätestens jetzt ist klar, dass sie nicht die geringste Scheu kennen, wenn prominente Namen ihren Weg kreuzen. Für einen Tag lang nahmen die Spürnasen Michael Levy fest, einen silberhaarigen Gentleman, den jeder nur als "Lord Cashpoint" kennt. Cashpoint ist im Englischen der Bankomat, und genau das ist die Rolle, die Lord Levy of Mill Hill für die Labour-Partei spielt.

Seit 1994, als Blair das Ruder übernahm, um Labour von Links in die Mitte zu führen, steht ihm der findige Geschäftsmann zur Seite. Früher vermarktete er Rockstars wie Alvin Stardust, dann spielte er Tennis mit Blair, zwischendurch wurde er zum Emissär für den Nahen Osten befördert. Beim Geldbeschaffen setzte Levy um, was ihm New Labours Reformer vorgaben: Um nicht mehr auf die Schecks der Gewerkschaften angewiesen zu sein, sollte das Business Geld locker machen.

Die Liste der Gönner reicht von Formel-1-Magnat Bernie Ecclestone über Börsenmakler und Klinikbesitzer bis hin zu "Currykönig"Gulam Noon, der sein Vermögen mit Curry im Glas gemacht hat.

Nun müssen Spenden ab 5000 Pfund (rund 7300 Euro) offen gelegt werden. Doch ein Schlupfloch ist geblieben. Wer ein zinsloses Darlehen gibt, darf es verschweigen. Ergo verlegte sich Levy darauf, im vorigen Jahr das Gros des Labour-Wahlkampfes mit Darlehen zu finanzieren, mit insgesamt 21 Millionen Euro.

Den Gebern machte Blairs "Bankomat"das verlockende Angebot, ihre Namen geheim zu halten und sie dennoch fürstlich zu belohnen. Wer sich nicht lumpen ließ, durfte hoffen, dereinst auf rotem Polster im House of Lords zu sitzen. Die Würde geht nicht nur mit dem legendären Hermelinkragen einher, sondern auch mit Einfluss in der (gar nicht so ohnmächtigen) zweiten Parlamentskammer.

Cash gegen Titel - konsequenter, als man anfangs glaubte, will Scotland Yard den Verdacht aufklären. Levy könnte der Erste sein, der unter die Räder kommt. Denn Noon, ein Selfmademan indischer Herkunft, verärgert, weil er auf den Lord vorerst verzichten muss, hat ihn schwer belastet.

Er wollte einst seine Finanzspritze von 365.000 Euro deklarieren. Levy riet ab, bat ihn sogar, einen entsprechenden Brief zurückzuziehen. Nun zieht der Fall Kreise, womöglich bis hin zu Downing Street Number Ten. (Frank Herrmann aus London/DER STANDARD, Printausgabe, 14.7.2006)

Share if you care.