Hartköpfigkeit

13. Juli 2006, 19:17
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Der Fußball war wieder einmal ein tüchtiges Instrument der Politik

Zinédine Zidane hat den Fußball mit einem Stoß von dem Lack der schönen Lügen befreit. Vier Wochen lang wurde der Kick mit allem Schicken befrachtet, bis er vor dämlichen T-Mobile-Spots, Kelly's-Werbung und Patriotismusparty kaum mehr rollen konnte. Zidane wurde heilig gesprochen, zum König erklärt und musste sich von Staatspräsident Chirac auch noch anhören, was er für sein Land geleistet habe.

Der flinke präsidiale Opportunismus passt zur Heuchelei, mit der Frankreich seine fundamentalen Probleme mit der Arbeitslosigkeit, den Einwanderern, dem Rassismus und der Integration seit Jahrzehnten als beispielhaft gelöst behauptet. 1998 wurde das Multikulti-Weltmeisterteam als Beweis für den französischen Weg ausgegeben, und alle Welt glaubte brav daran. Der Fußball war wieder einmal ein tüchtiges Instrument der Politik.

Frankreichs Geschichte wiederholte sich diesmal in Deutschand als Biedermeierbühnenstück. Noch die schwächste Aktion des vorher in Grund und Boden verspotteten Jürgen Klinsmann wurde hysterisch begrüßt, als ob die Rettung Deutschlands von ihm abhinge. Und in einem kranken Sinn rettete Klinsmann die Deutschen vorübergehend tatsächlich vor sich selber. Sie sind jetzt gerade dabei, wieder aufzuwachen. Und was sehen sie? Gesundheitsreform, Arbeitslosigkeit, Merkel, Bundesliga, Beckenbauer.

Die Franzosen haben immerhin Zinédine Zidane, der hat ihnen die dunkle Seite des Fußballs vorgeführt und die Märchen durchsichtig gemacht, und wenn er auch noch richtig reden würde, könnte er dem Land und der Welt vielleicht noch mehr beibringen als mit dem Fuß. Dazu bräuchte er den Kopf. Einen Anfang hat er gemacht. (DER STANDARD, Printausgabe, Freitag, 14. Juli 2006)

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