Analyse: Schlag ins Gesicht der arabischen Staaten

13. Juli 2006, 19:29
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Die schiitische Hisbollah hat mit der Entführung zweier israelischer Soldaten den Einmarsch Israels im Libanon provoziert - Die libanesische Regierung ist in einer schwierigen Lage, zugleich wächst der Druck auf Syrien

Kaum hatte die Nachricht die Runde gemacht, da feierten Einwohner der Hisbollah-Hochburgen im Süden vor Beirut mit Gewehrsalven, Feuerwerk und dem Verteilen von Süßigkeiten die Entführung der beiden israelischen Soldaten. Aber schon kurz danach machten die israelischen Luftangriffe auf den Flughafen von Beirut und andere Ziele im Libanon klar, dass der Konflikt eine neue Dimension erreicht hatte.

Die Regierung des Libanon schwieg lange, ehe sie die Einberufung des UN-Sicherheitsrates verlangte und sich von der Entführungsaktion distanzierte. Währenddessen erklärte ein vor Selbstvertrauen strotzender Sayyed Hassan Nasrallah, der Hisbollah-Vorsitzende, am Mittwochabend in einer Pressekonferenz, dass der Zweck dieser Militäraktion einzig die Befreiung von libanesischen und palästinensischen Gefangenen sei. Einen anderen Weg als die Entführung von israelischen Soldaten habe es nicht gegeben, da alle weiteren Versuche gescheitert seien. Laut Nasrallah ist die Entscheidung für diese minuziös geplante Operation bereits vor den Ereignissen in Gaza gefallen. Er verhehlte aber nicht, dass der Zeitpunkt auch eine Unterstützung für die palästinensischen Brüder bedeute, für die sonst niemand einen Finger krümme. Nasrallah betonte zudem, die Hisbollah wolle keine weitere Eskalation, sei zu einem Waffenstillstand bereit, weiche aber keiner Konfrontation aus.

Die Hisbollah-Aktion ist auch ein Schlag ins Gesicht der arabischen Staaten, die unfähig waren, einen Gefangenenaustausch zustande zu bringen. Das bewiesen Zuschauer aus vielen arabischen Ländern, die in Al-Manar, dem Hisbollah-Fernsehen, Nasrallah überschwänglich zu seinem Erfolg gratulierten. Im Lichte der bürgerkriegsähnlichen Zustände im Irak wollte die Hisbollah zudem ein Zeichen setzen, dass die Befreiung der Palästinenser von Schiiten und Sunniten gemeinsam betrieben wird.

Israel hat die Regierung in Beirut für den Hisbollah-Übergriff auf sein Territorium verantwortlich gemacht, tatsächlich kontrolliert aber die schiitische Bewegung den Grenzstreifen und nicht die libanesischen Streitkräfte. Die internationale Gemeinschaft übt seit dem Mord an dem libanesischen Expremier Rafik Hariri im Februar 2005, hinter dem Syrien vermutet wird, verstärkten Druck auf Beirut aus, die Hisbollah zu entwaffnen, die auch in Parlament und Regierung vertreten ist. Eine Einigung erzielten die zersplitterten Parteien aber bisher nicht, und laut libanesischer Sprachregelung ist die Hisbollah weiterhin eine legitime Widerstandsbewegung.

Der syrische Vizepräsident Faruk al-Sharaa erklärte in Damaskus, die Besetzung provoziere das libanesische und das palästinensischen Volk. Israel sei deshalb selbst schuld an den Aktionen des Widerstandes und an der jüngsten Krise. Syrien unterstützt die Hisbollah-Forderung nach Freilassung der Gefangenen, darunter Samir Kantar, der sich seit 1979 in israelischer Haft befindet. Sharaa sagte aber nicht, ob Syrien Vergeltungsschläge befürchtet. Israel hatte in den letzten Wochen Kampfflugzeuge über das Haus Präsident Assads in der Hafenstadt Latakia fliegen lassen und gedroht, Hamas-Vertreter in Syrien zu töten. (Astrid Frefel aus Kairo/DER STANDARD, Printausgabe, 14.7.2006)

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