"Hier wird abgeschoben!"

15. Juni 2000, 12:32

von Pia-Daniela Feichtenschlager

Die Simulation einer Situation, die entstehen könne, wenn die Ankündigungen Jörg Haiders und seiner Freiheitlichen Partei realisiert würden - Die Aktion "Bitte liebt Österreich - Erste europäische Koalitionswoche" des Theaterregisseurs Christoph Schlingensief vor der Wiener Staatsoper sorgt für Erregungen und Aufregungen.

"Laßt uns dieses Österreich durchspielen!", lautete Schlingensiefs Aufruf am Eröffnungsabend am Sonntag. Kurz nach 21 Uhr fuhr der Bus vor und die fünf Bewohnerinnen und sieben Bewohner zogen unter größem Medieninteresse und der Sonntags-Krone vor den Gesichtern - zum Schutze der Anonymität (Paradoxon)- in die Container. Nun sind die KandidatInnen online - www.webfreetv.com überträgt 24-Stunden live.
Unter dem Transparent "Ausländer raus!" an einer Außenseite der neben der Staatsoper aufgestellten Container ließ Schlingensief ein Kronen Zeitungs-Logo anbringen. Die Containerlandschaft erklärte er zum FPÖ-Territorium, indem er "FPÖ-Fahnen" setzte. Eine Containerwand wird mit "Haider-Sagern" geziert.

Radikale "Wort-Welt"

Bis Sonntag wird den ÖsterreicherInnen und zum Ärgernis vieler PolitikerInnen eine radikale "Wort-Welt" von FPÖ und Kronen Zeitung präsentiert. FPÖ und Krone halten nichts von Schlingensiefs Reflexion dieser Österreichischen Welt. Sie sind gegen dieses Spiel - diese Kritik - diese Österreich-Vernaderung - und schlagen zurück. Am Dienstag musste das Transparent mit dem Kronelogo entfernt werden und die Kronen Zeitung will klagen. Rechtliche Schritte gegen die Wiener Festwochen sind bereits in Vorbereitung.

Wiener FPÖ-Klubobmann Hilmar Kabas will sich gegen die "pauschale Österreich-Vernaderung direkt an einem Bus-Ausstiegspunkt von Wien-TouristInnen" wehren. Die TouristInnen könnten ja ein verschobenes Österreichbild mit nach Hause nehmen. Noch vor der Sommerpause soll ein Misstrauensantrag gegen Kulturstadtrat Peter Marboe (VP) - der sich selbst von der Aktion distanziert hat ("Das ist keine Kunst") - beantragt werden. Anstelle öffentlich zu ihrer Ausländerpolitik Stellung zu beziehen, wählt die FPÖ lieber den Weg, kritische Kunst als Aktion der "linken Kulturschickeria" - die sich noch dazu von der Stadt Wien subventionieren läßt - abzutun. Anstelle eines Diskurses gibt es Drohungen: Kabas hat auch eine Klage zur Entfernung der FP-ähnlichen Embleme angekündigt. Der Anwalt der FPÖ ist bereits mit den juristischen Schritten befasst. Und die FPÖ erhält Unterstützung: Eine Privatperson hat bei der Staatsanwaltschaft Wien eine Anzeige gegen Schlingensief "und andere Personen" wegen "Verspottung des Staates" eingereicht.

Scheuklappen

Ob Kärntens Landeshauptmann Jörg Haider (FPÖ) zur Aktion Stellung bezieht, wird sich noch zeigen. Schlingensief hat ihn jedenfalls "ernsthaft zu einem Gespräch mit den Asylbewerbern" für Freitag eingeladen. Dies solle "die vorurteilslose und sachliche Auseinandersetzung über dieses keineswegs auf Österreich beschränkte Thema fördern. Diese Auseinandersetzung möchten wir als Künstler und Politiker ohne Scheuklappen auch mit Ihnen führen", heißt es in einem offenen Brief, den auch der französische Grünen-Europaabgeordnete Daniel Cohn-Bendit und der grüne Parlamentarier Peter Pilz unterzeichnet haben.

An der Container-Politik hat sich noch nichts verändert:

Jeden Tag verlieren zwei AsylbewerberInnen ihr Bleiberecht. Am 17. Juni bleibt nur mehr einE KandidatIn über. Als Hauptpreis winkt eine Reise in das Herkunftsland des Flüchtlings. Per Anruf werden täglich zwei BewerberInnen ausgewählt, die dann unter allen Sicherheitsvorkehrungen abgeschoben werden (www.auslaenderraus.at). "Sie können ihren Lieblingsasylbewerber - also denjenigen, den Sie am meisten hassen - ausweisen", so Schlingensief. Die Abgeschobenen können vielleicht noch durch Heirat gerettet werden.

0820-613-108

Eine Asylbewerberin hat es bereits erwischt: 0820-613-108 . . . Malika Azujewa, Tschetschenin, 29-jährige Kindergärtnerin aus Grosny: Im Oktober 1999 wurde Malikas Haus von Bomben zerstört. Kurz darauf wurde ihr Bruder getötet und ihr Vater kam bei einem Bombenangriff ums Leben. "Damals verlor das Leben jeden Sinn für mich", sagt sie. Anfang dieses Jahres gelang es Malika, der Hölle von Grosny zu entkommen und nach Österreich zu gelangen. Sie stand in Konkurrenz zu den anderen Kriegsflüchtlingen - und hat verloren. Mensch kann nicht mit allen Mitleid haben. Und Österreich ist kein Einwanderungsland sondern die Insel der Seeligen; - Stopp der Überfremdung (FPÖ).

Festwochenintendant Luc Bondy bezeichnete die Aktion als wesentlichen Beitrag des Kulturfestivals, Stellung zur politischen Situation in Österreich zu beziehen. "Die eigentliche Provokation wäre gewesen, alle Wahlplakate der FPÖ der vergangenen Jahre in einer großen Ausstellung zu zeigen. Da könnte man sehen, welcher Ton hier salonfähig geworden ist", verwies Bondy auf die eigentlichen Provokateure. Schlingensief nutzt nur den Stoff, den ihm die Politik liefert. Er reagiert lediglich mit einer radikalen Aktion auf eine radikale Politik, die darauf wiederum radikal reagiert; die Verantwortung abschiebt. Eine Kontraproduktive Aktion - so die ÖVP - eine Enthüllung - so Klarsehene.

- Sehen Sie sich dieses Österreich an! Und nicht nur diese Woche sondern immer. Sehen und hören Sie genau hin! Und kämpfen Sie gegen die Spielregeln! Die vielbeschworene Zivilgesellschaft ist gefordert.

Share if you care.