Barbara Prammer: "Die ÖGB-Frauen müssen fordern, was zu fordern ist"

14. Juli 2006, 18:37
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Die SPÖ-Frauenvorsitzende erwartet sich im STANDARD-Interview eine "fortschrittliche Arbeitnehmervertretung"

Sie erwarte sich eine "fortschrittliche Arbeitnehmervertretung", in der auch die Frauen etwas forscher auftreten, sagt Barbara Prammer, Zweite Nationalratspräsidentin und SPÖ-Frauenvorsitzende, im Gespräch mit Petra Stuiber. An die Spitze der AK wünscht sie sich ebenfalls eine Frau.

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STANDARD: Der Wahltermin steht fest, nun werden die Wahllisten erstellt. Wie hoch wird der Frauenanteil auf der SPÖ-Liste sein?

Prammer: Ich gehe auf der Bundesliste von 50 Prozent und dem Reißverschluss-System aus. Das haben wir letztes Mal schon gemacht, das werden wir heuer wieder tun.

STANDARD: Warum sollen Frauen SPÖ wählen, eine immer noch sehr männliche Partei?

Prammer: Wir sind die einzige Partei in Österreich, bei der von neun Landesvorsitzenden vier Frauen sind. Im Parlament haben nur die Grünen einen höheren Frauenanteil als wir. Gerade die weiblichen Abgeordneten haben in den letzten vier Jahren hervorragende Figur gemacht. Ich bin überzeugt, dass die Frauen wie noch nie die tragende Säule in der SPÖ sind. Wir sind der verlässliche Pol.

STANDARD: Soll das heißen, SP-Männer sind unverlässlich?

Prammer: Manchmal denke ich schon, wir sind verlässlicher. Ich habe das jetzt in dieser schwierigen Zeit immer wieder bei Sitzungen erlebt, dass es den Frauen sehr, sehr rasch bewusst geworden ist, was alles auf dem Spiel steht – und wofür wir eigentlich gemeinsam kämpfen sollten. Die Politik der letzten Jahre hat die Frauen am meisten getroffen.

STANDARD: Sie werfen der Frauenministerin vor, dass sie zu wenig für Frauen tut. Auch in Ihrer Amtszeit ging die Einkommensschere weiter auseinander, es gab Diskriminierungen, zu wenige Männer gingen in Karenz. Haben Sie selbst zu wenig erreicht?

Prammer: Der Unterschied zu früher ist: Die Frauenministerinnen waren immer die, die aufgezeigt haben, die nicht still waren. Heute wird nur noch abgefeiert, sogar Rückschritte, auch von der Frauenministerin. Vor Kurzem wurden die leitenden Stellen im AMS neu besetzt, und es war offensichtlich, dass zwei bestqualifizierte Frauen nicht zum Zug kommen.

Die Frauenministerin sagt keinen Halbsatz dazu. Das hätte es früher nicht gegeben. Das ist auch mein größter Vorwurf. Es muss eine Instanz in der Regierung geben, wenn man Frauenpolitik ernst nehmen will.

STANDARD: Ist zwischen SPÖ und ÖGB alles wieder okay?

Prammer: Insofern nicht, weil der ÖGB dringend eine neue Ausrichtung braucht. Das weiß auch der ÖGB. Ich wünsche mir sehr, dass mit Nachdruck gearbeitet wird. Und noch eins: Hier tut sich ein Mondfenster für die Gewerkschafterinnen auf, und ich wünsche mir, dass es sich nicht wieder schließt, ohne dass es genutzt wird.

Die ÖGB-Frauen müssen fordern, was zu fordern ist. Ich höre, es soll künftig eine Frauenquote geben. Das ist erfreulich, aber lange nicht genug.

STANDARD: Ist die mangelnde Frauenpräsenz auch mit ein Grund für die großen Einkommensunterschiede?

Prammer: Das hängt damit zusammen, dass Frauen in Gremien mehr darauf achten, wie es Frauen in der Arbeitswelt geht. Hier ist die Gewerkschaft besonders gefordert. Als die Kollektivverträge "erfunden" wurden, war der Anspruch klar: ein ordentliches Einkommen für eine Familie, bestehend aus Vater, Mutter, Kindern. Alles darüber hinaus war "Zuverdienst".

Dieses Denken muss durchbrochen werden, das erwarte ich mir von einer fortschrittlichen Arbeitnehmervertretung. Denn wir brauchen den ÖGB für Veränderungen. Ein Beispiel: Die SPÖ plant ein neues Familienrecht – die Voraussetzung ist aber auch hier, dass Frauen ökonomisch autonom sind.

Im ländlichen Raum haben 50 Prozent der Frauen nur Pflichtschul-Abschluss. Da ist aber nicht nur die Politik gefordert, da brauchen wir auch die Sozialpartner. Ich erwarte mir Antworten vom ÖGB. Die, die er bisher gegeben hat, waren nicht ausreichend.

STANDARD: Die Arbeiterkammer ist ebenfalls männlich dominiert. Derzeit kursieren Gerüchte über einen baldigen Rücktritt von AK-Präsident Herbert Tumpel. Gesetzt den Fall, der findet statt: Soll ihm eine Frau nachfolgen?

Prammer: Das wünsche ich mir. Es gibt dort viele hervorragende Frauen. In der Arbeiterkammer wäre es eine Wiederholung, dass eine Frau an der Spitze steht – das war ja mit Lore Hostasch schon sehr erfolgreich. Eine solche Wiederholung ist angesagt.

STANDARD: Warum ist Frauen- und Familienpolitik in Österreich immer ideologisch überfrachtet?

Prammer: Da klaffen eben die Weltanschauungen weit auseinander. Ich frage mich manchmal, wie manche ÖVP-Politikerinnen unter einen Hut bringen, dass sie selbst ein ganz anderes Leben leben und trotzdem Hurra schreien, wenn ihre Partei das wertkonservative Muster fixiert.

STANDARD: Ihre Politik ist ja auch ideologisch: Warum sind Sie etwa strikt dagegen, dass man Haushaltshilfen steuerlich absetzen kann?

Prammer: Ich habe gar nichts dagegen, wenn auch die Billa-Kassierin einen Vorteil davon hätte. Man kann nicht Steuergeschenke an eine Gruppe machen und den anderen sagen: Seht, wie ihr zurecht kommt. Das ist nicht fair. (DER STANDARD, Printausgabe, 14. Juli 2006)

Zur Person
Barbara Prammer (52) ist seit 2004 Zweite Nationalratspräsidentin. Die Politikerin aus Oberösterreich ist SPÖ-Frauenvorsitzende und war von 1997 bis 1999 Frauenministerin.
  • Barbara Prammer, Zweite Nationalrats- präsidentin und SPÖ-Frauenvorsitzende.
    foto: der standard/christian fischer
    Barbara Prammer, Zweite Nationalrats- präsidentin und SPÖ-Frauenvorsitzende.
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