Das Wetter wechselt, das Leben bleibt

15. Juli 2006, 11:27
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Mit Anton Tschechows "Onkel Wanja" beschließen die Festspiele Reichenau das heurige Premierenquartett

Im örtlichen Theaterhaus mochte trotz Spitzenensembles der Geist der Vergänglichkeit nicht einziehen.


Reichenau – Die im Theater Reichenau reichlich wunderlich wirkende Patchworkfamilie des Onkel Wanja sitzt in der rustikalen Gutsherrenstube des regelmäßig als Bühnenbildner agierenden Intendanten Peter Loidolt fest wie in einer verlassenen Bahnhofswartehalle. Ein altbewährter Gedanke im Tschechowschen Werk: Leben als Warten auf ein besseres, interessanteres, würdevolleres Dasein.

Holzbänke säumen den Bühnenrand, in der Raummitte steckt eine dünne Säule. Samowar, Gurken- und reichlich Wodkagläser staffieren den russischen Alltag en detail.

"Onkel Wanja", ein Stück, das schon allein durch seine meteorologischen Regieanweisungen "tönt", das in Windböen und Regen zu "singen" vermag, es blieb bei der Reichenauer Premiere am Mittwoch bis zuletzt verstimmt. Burgschauspieler Bernd Birkhahn konnte als Regisseur die Spezifika eines Spitzenensembles nicht bündeln. Die Figuren trafen in unterschiedlichen Entwicklungs- und Reflexionsgraden aufeinander.

Rhythmusstörungen

Beim lange währenden Besuch des alten Professors (Dietrich Mattausch) mit seiner jungen Ehefrau Elena am Gutshof der Schwiegermutter aus erster Ehe (Lotte Ledl) kommen Stadtmenschen mit Landmenschen auf verstörende Weise zusammen. Die zur grellblonden Hollywoodschönheit stilisierte Elena (Petra Morzé) verursacht vor Ort alternden Männerherzen Rhythmusstörungen: Wanja, dem in der Darstellung André Pohls auf witzige Weise verbitterten Mann, geraten seine vom immer gleich stumpfen Landleben längst erstarrten Augen bei ihrem Anblick wieder in Bewegung. Der seinen Trost im heilenden Anblick der Natur suchende Doktor Astrow (Florentin Groll) erhält ein wenig von Elenas künstlich verhaltener Zuneigung, weil er so schön von aussterbenden Auerhähnen und Elchen jammern konnte. Die wiederum ihm gebührende Liebe der Professorentochter Sonja (Monika Wiedemer) wird in einer Landmaid in Gesundheitsschuhen auf ewig begraben bleiben.

"Onkel Wanja", bekanntlich handlungsarm, dürstet vergeblich nach Atmosphäre. Das zwischen den Zeilen, in der Atemluft zwischen den Sätzen angesiedelte Stück, bleibt in Puzzleteilen liegen.

Das Rauschen der Zeit, das Empfinden von Vergänglichkeit als ein Haupttopos – sie wurden in dieser Inszenierung gänzlich ausgespart. Einer anderen Deutung, sei es die des sozialen Verfalls oder des zukünftiges Heils, hat sich Birkhahn ebenso enthalten. Allesamt dienen einem Spiel um alltägliche Banalitäten eines falsch gewählten und nun schmerzenden Lebens. Es wäre – vor allem mit einem solchen Ensemble aus leuchtenden Könnern – weit mehr zu machen gewesen. (Margarete Affenzeller / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14.7.2006)

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    Die Schönheit der Helena stürzte bereits die Griechen in den Krieg. Auch in der russischen Provinz sorgt die Umschwärmte (Petra Morzé) für Unruhe (André Pohl als Wanja).

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