"Volver": Pedro Almodóvar: "Das Kino durch Schokolade entdeckt"

14. Juli 2006, 15:28
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Der Regisseur im STANDARD-Interview über "Volver", seine virtuose Eloge auf die Frauen seiner Kindheit

Vorfreude ist angesagt: Am 4. August kommt mit "Volver" einer der schönsten, bezauberndsten Filme des Jahres in die österreichischen Kinos. Der spanische Regisseur Pedro Almodóvar legt damit eine virtuose Eloge auf die Frauen seiner Kindheit vor. Dieter Oßwald sprach mit ihm.


Zwar scheinen die Zeiten eines Don Quijote (Literatur-)Geschichte. In der spanischen La Mancha, auch wenn sich dort heute die Flügel moderner Windkraftwerke drehen, sind Irrsinn und Idealismus scheinbar jedoch immer noch nicht ausgestorben - zumindest wen man Pedro Almodóvar Glauben schenken darf, der mit seinem jüngsten Film "Volver" in die bäuerliche Landschaft seiner Kindheitstage zurückgekehrt ist. Rund um ein virtuoses Damenensemble (darunter Penélope Cruz und Carmen Maura) entwickelt der spanische Meisterregisseur in volksliedhafter Schlichtheit und zugleich ausufernder Üppigkeit der Farben und Formen über Befreiungsbewegungen – heraus aus den Fängen gewalttätiger, nicht besonders intelligenter Männer, hinein in (auch ökonomische) Unabhängigkeit. Dass dabei eine verstorbene Mutter als Geist ihren in die Bredouille geratenen Töchtern beispringt, verleiht dem Film, der ab 4. August auch in den österreichischen Kinos zu sehen ist, endgültig eine geradezu gespenstische Leichtigkeit.


STANDARD: Wie kam es zu dieser Ode an die Weiblichkeit?

Almodóvar: Ich wollte jenes weibliche Universum schildern, von dem ich in meiner Kindheit umgeben und fasziniert war. Ich wollte all die schönen Erinnerungen, die ich an diese wundervollen Frauen hatte, würdigen – und dabei all die schlechten Kindheitserinnerungen an die Männer vergessen.

Diese Frauen vom Land besitzen eine ganz große Stärke, weil sie um so vieles kämpfen müssen – in gewisser Weise symbolisieren sie für mich das Leben. Es läge mir fern zu sagen, dass alle Männer gewalttätig sind. Aber gerade in kleinen Dörfern geschehen Dinge, die wir zeigen, recht häufig.

STANDARD: Eine Mutter kehrt als Geist zurück – das könnte leicht lächerlich wirken...

Almodóvar: So was ist immer ein Risiko, man weiß nie, wie das Publikum reagiert. Diese Rückkehr der Mutter sollte absolut glaubhaft wirken, deswegen wird das auf eine möglichst schlichte Weise erzählt. Als Kind hat man mir übrigens oft genau solche Geschichten erzählt. Meine Schwestern schwören, dass sie selbst Geister gesehen habe. Ich glaube zwar selbst nicht an Geister, aber ich glaube meinen Schwestern!

STANDARD: Wie haben Sie das Kino für sich entdeckt?

Almodóvar: Durch Schokolade. Als arme Leute haben wir damals Brot mit Schokolade gegessen. In der Verpackung waren Bildchen von Hollywood-Stars und die haben mich in eine absolute Traumwelt versetzt – obwohl ich nie Filme mit diesen Schauspielern gesehen hatte. Aber mir war klar, dass ich zu dieser Welt gehören wollte. Als Teenager wollte ich diesen Plan umsetzen und Filme drehen. Aber ich war dafür natürlich am falschen Ort, zudem hatte meine Familie nicht viel Geld. Es ist, als ob man in Japan davon träumt, Stierkämpfer zu werden. Mit 17 Jahren habe ich dann meine Familie verlassen und bin nach Madrid gegangen. Ich wollte Film studieren, aber Franco ließ die Schule schließen. Durch diverse Jobs hatte ich mit 20 endlich genügend Geld, um mir eine Super-8-Kamera zu kaufen. Als ich den ersten Film entwickelt hatte und meine Bilder sah, fühlte ich mich sofort als Regisseur – auch wenn ich absolut keine Ahnung vom Kino hatte.

STANDARD: Sie haben früh Geschichten geschrieben, hat sich das für das Kino ausgezahlt?

Almodóvar: Schon als Teenager hat mir das Schreiben von Kurzgeschichten Spaß gemacht. Als ich jedoch die Möglichkeiten einer Kamera entdeckte... (lacht) Ich bin sozusagen ein frustrierter Autor, der viel mehr Talent mit Bildern hat.

STANDARD: Es gibt viele Windmühlen in "Volver" ...

Almodóvar: Klar, da ist natürlich das Motiv des Don Quijote. Aber der Wind steht auch für Wahnsinn. Tatsächlich werden in La Mancha die Leute verrückt, weil ihnen ständig der Wind um die Ohren pfeift.

STANDARD: Wie war es, Penélope Cruz, die bei Ihnen in "Alles über meine Mutter" mitwirkte und so ein Weltstar wurde, aus Hollywood zurückzuholen?

Almodóvar: Auch wenn wir in den letzten sieben Jahren keinen Film zusammen gemacht haben, standen wir immer in engem Kontakt. Ich war mir von Anfang an sicher, dass sie diese Mischung aus Zerbrechlichkeit und Härte auf so wunderbare Weise spielen könnte. Penélope ist eine sehr sensible Schauspielerin, die ausreichend Zeit für die Vorbereitung benötigt. In Hollywood hat man diesen Luxus nur selten. Wir haben drei Monate jede einzelne Dialogzeile intensiv geprobt.

STANDARD: Diente die junge Sophia Loren dabei als Vorbild für diese Rolle?

Almodóvar: Absolut, Loren und auch Anna Magnani waren Modelle für diese Figur.

STANDARD: Wie wichtig ist die Schönheit der Darsteller?

Almodóvar: Es macht meistens schon Sinn, wenn die Schauspieler auf irgendeine Art attraktiv sind. Die ideale Vorstellung für mich wäre, wenn die Zuschauer bei einer intimen Szene von zwei Protagonisten sagen: "Da wäre ich jetzt gerne in der Mitte." Den Glöckner von Notre-Dame mit Brad Pitt zu besetzen, wäre freilich fatal.

STANDARD: Sie drehen Ihre Filme stets in Spanien – könnten Sie auch außerhalb Ihrer Heimat arbeiten?

Almodóvar: Es wäre auf jeden Fall eine spannende Erfahrung, einmal in einem anderen Kulturkreis zu arbeiten. Das funktioniert allerdings nur, wenn die Story mich persönlich etwas angeht, denn diese Vertrautheit ist für mich absolut unabdingbar. Ich möchte jene Geschichten erzählen, die mir selbst am Herzen liegen. So bin ich mir wohl immer treu geblieben. Früher waren meine Filme lustiger, frivoler und haben das Leben mehr gefeiert. Im Laufe der Zeit bin ich aber ruhiger geworden, mehr nach innen gekehrt. Es geht jetzt eher um den Zustand der Einsamkeit, in dem ich mich befinde.

STANDARD: : Wie muss man sich die Entstehung eines Almodóvar-Filmes vorstellen?

Almodóvar: Bob Dylan wurde einmal nach den Ursprüngen seiner Songs gefragt. Er antwortete, dass er bisweilen einfach das Zimmer verlässt und bei der Rückkehr hat ein Geist den fertigen Song auf dem Tisch hinterlassen. Mir geht es manchmal ähnlich. Wobei ich allerdings immer nur einen Zettel mit dem ersten Satz finde. Den Rest muss ich mir selber ausdenken.

STANDARD: Mit welchen Gefühlen sehen Sie sich Ihre früheren Filme an?

Almodóvar: Nachdem ich einen fertigen Film bei meinem Produzenten und Bruder abgeliefert habe, sehe ich ihn mir nicht mehr an. Vielleicht ein paar Minuten im Fernsehen, wenn ich zufällig darauf stoße. So sehr ich die Sachen beim Schreiben liebe, kann ich anschließend, nach der ganzen Arbeit damit, keinen Film mehr richtig genießen. Es gibt in allen meinen Filmen Szenen, die ich hasse – aber welche das sind, werde ich natürlich bis ans Ende meiner Tage nicht verraten. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14.7.2006)

Zur Person

"Ich war schon als kleiner Junge ein Geschichtenerzähler. Und wenn ich mit meinen Geschwistern ins Kino ging, erzählte ich ihnen den Film danach noch einmal. Meistens gefiel ihnen meine Version besser."

Pedro Almodóvar, geboren 1949 in der kleinen spanischen Stadt Calzada de Caladrava in der Provinz Ciudad Real - er ist der gegenwärtig wohl prominenteste und international meist prämierte Filmemacher. Begonnen hat er seine Karriere quasi als am Rande zum Exzentrischen balancierender Underground-Künstler. Schrille erste Eskapaden wie "Pepi, Luci, Bom und die anderen" (1980), "Womit habe ich das verdient" (1984) oder "Matador" (1986) etablierten Almodóvar als Vorreiter eines schwulen Kinos und gleichzeitig als grandios heiteren Melodramatiker im Gefolge von Douglas Sirk und Rainer Werner Fassbinder.

Der erste internationale Kinoerfolg "Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs" (1988) markierte schließlich Almodóvars Durchbruch. 1999 erhielt er etwa für "Alles über meine Mutter" sowohl den europäischen Filmpreis wie auch den Auslands-Oscar. Für "Sprich mit ihr" (2001) wurde ihm unter anderem gar der Oscar für das beste Drehbuch zuteil.

Auch "Volver"(2006) dürfte insgesamt noch eine reiche Preis-Ernte einfahren, auch wenn Almodóvar heuer bei den Filmfestspielen in Cannes geradezu sträflich unterschätzt wurde, als die Goldene Palme an Ken Loach ging. Immerhin verlieh man dem Frauenensemble rund um Penélope Cruz den Darstellerinnen-Preis und dem Regisseur den Drehbuchpreis. (cp)

  • Sophia Loren und Anna Magnani waren die Vorbilder für die Heldin, die Penélope Cruz in "Volver" verkörpert.
    foto: tobis film

    Sophia Loren und Anna Magnani waren die Vorbilder für die Heldin, die Penélope Cruz in "Volver" verkörpert.

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    "... als ob man in Japan davon träumt, Stierkämpfer zu werden": Pedro Almodóvar

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