Der Klang Kroatiens

20. Mai 2005, 10:14
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Türkisblaues Wasser, Hafenromantik, viel Geschichte und Städte voll Charme

Kroatien ist ein Lied, das in Sehnsuchtsstrophen erklingt. Es zieht in kraftvollen Chören über die balkanischen Gebirgsketten, ertönt ein wenig wehmütig zwischen Stein- und Wasserschluchten, über Weinberge und Steppenflächen, und zieht sodann, folgt man den lauteren Tönen, hinab zum Meeresrand und den ihn zersprengenden Inseln. Dort hört man es ganz genau und verweilt.

Hvar ist das Schönste dort. Man muss nicht auf die Top-Reisejournalisten des amerikanischen Magazins Traveller hören, die diese Insel in zehnjähriger weltweiter Beobachtungsarbeit neben Sansibar, Capri und Hawaii zu den zehn schönsten des Erdballs gekürt haben. Man muss ganz einfach - am besten ein wenig schäbig und müde noch - die glatten Kalksteine der Morgenlicht-trunkenen Piazza entlang wanken, die würzige Frische einer von Kaffee und Lavendel durchmischten Luft einatmen, auch die spanische Festungsanlage am "Hausberg" eines Blickes würdigen, um dann, sich der Hafenöffnung nähernd, im klaren Türkisblau des Wassers stecken zu bleiben. Dann kann die Welt so sein, wie sie wirklich wäre, wenn sie anderswo und vor einigen Jahren nicht ganz anders gewesen sein würde.

Kein Motorengeräusch (weil autofreier Stadtkern) erinnert an zivilisatorische Notlösungen. Nichts Lautes stört. Aus dem Radio im Café an der Uferpromenade, vor den Patrizierhäusern und neben der luxuriösen Stadtloggia, klingt der ernste Gesang eines dalmatinischen Chorals, ein paar Meter weiter Lieder, die sehnsuchtsvoll vom Meer und der verlorenen Liebe erzählen, und von der schweren Arbeit der Fischer. Diese haben soeben die Sardellenkisten im Boot gestapelt, das rostrote Fischernetz an der Seilwinde bis auf Masthöhe hochgezogen, welches nun wie ein Vorhang die Beute bis zum nächsten Hafen umweht. Man selbst kann ein Boot mit "Chauffeur" besteigen und zu einer der vielen kleinen Bade- oder einsamen Inseln übersetzen.

Hvar mag man gleich: in der äußeren Präsentation bescheiden und doch heimlich ganz auf den Tourismus ausgerichtet. Als reiche Handelsstadt unter venezianischer Herrschaft wuchs Hvar seit dem 16. Jahrhundert zur kulturellen Koordinate des Balkanlandes. Es kann sich mit Verweis auf den Renaissancedichter Petar Hektorivic unter anderem Begründungszentrum der kroatischen Literatur nennen. Der im wuchtigen Arsenalgebäude versteckte Theatersaal zeugt davon. Das Theater war eines der ersten kommunalen Theater Europas und als solches Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens.

Das Festland entlang der dalmatinischen Riviera legt sich im Hintergrund wie ein Saum um die Schönheit dieser Inselwelt. Im Neretvatal, dem am reichsten gegliederten Delta Kroatiens, nahe dem bosnischen Mostar und nahe am Pilgerort Medugorje, kommt sie dieser auf ruhigere Art gleich. Dort gleitet man in einem der wieder neu nachgebauten neretvanischen Schilfboote durch die Stille einer aus Fluss und Meer, See und Sumpf bestehenden Traumlandschaft. Macht Rast und Feuerstelle auf einer kleinen Binneninsel, und da hört man es dann wieder, das Lied Kroatiens. (Der Standard, Printausgabe)

Von Margarete Affenzeller
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