Wirtschaft gefordert

14. Juni 2000, 17:36

"Ohne Recht auf Teilzeit bleiben die Frauen am Herd zurück"

Wien - Drängt das geplante Kinderbetreuungsgeld die Frauen zurück an den Herd oder hilft es Eltern dabei, Beruf und Familie besser zu vereinbaren? Um diese Kernfrage kreiste die Podiumsdiskussion am Mittwoch Abend im Rathaus, mit der die internationale Tagung "Managing E-Quality" beendet wurde.

Gender-Mainstreaming

"Da müsste Gender-Mainstreaming gemacht, also untersucht werden, wie sich diese Maßnahme auf Frauen und Männer auswirkt", schlug Werner Sauerborn von der deutschen Gewerkschaft Öffentlicher Dienst und Transport (ÖTV) vor. Sauerborn hat vor fünf Jahren "PaPS - Zeitschrift für Väter" gegründet und auch ins Internet gestellt (www.paps.de).

Wirtschaft gefordert

Doch so eine systematische Wirkungsanalyse ist nicht in Sicht. Es gibt nur punktuelle Schätzungen. "Tendenziell wird dadurch die Erwerbstätigkeit der mütter zunehmen", schätzt Helmut Schattovits vom Österreichischen Institut für Familienforschung (ÖIF). Schattovits gilt als "Erfinder" des Kinderbetreuungsschecks. Es gebe viele Mütter, die Teilzeit arbeiten wollen und es sich mithilfe des Geldes auch leisten können, meint er. Allerdings stellt die Wirtschaft zuwenig Teilzeitjobs zur Verfügung."Hier ist die Wirtschaft insgesamt gefordert", meint Schattovits.

Recht auf Teilzeit in Deutschland geplant

Darauf will sich eine Diskutantin aus dem Publikum lieber nicht verlassen: "Ohne Rechtsanspruch auf Teilzeit bleiben die Frauen am Herd zurück" meint sie und denkt offenbar ähnlich wie die rot-grüne Koalition in Deutschland, die Eltern ab Anfang nächsten Jahres einen Rechtsanspruch "bis zu 30 Stunden im Monat" sichern will. "Aber nur in Betrieben mit 15 Beschäftigten", fischt Sauerborn als Wermutstropfen heraus. Damit bliebe ein Großteil der Unselbsständigen ausgegrenzt.

Kürzer, aber höher

Durch die Möglichkeit, die Erziehungszeit zu verkürzen, dafür aber höher zu dotieren will die deutsche Regierung auch mehr Männer an den Herd locken. Statt drei Jahre Erziehungsgeld von 600 DM(4200 S) pro Monat sollten sie ein Jahr lang 900 DM bekommen. Noch sind diese Vorhaben erst als Entwurf existent. "Bei den Männern kommt ein weiteres Problem hinzu. Sie haben Angst vor dem Karriereknick", fügt Sauerborn hinzu.

Für die schwarz-blaue Regierung in Österreich ist das agehängten dritten Karenzjahr für Väter "eigentlich ein Einsparungsprogramm", meint Schattovits, der allerdings hofft, "dass dieses Kalkül nicht aufgeht". In den Berechnungen seines Instituts geht er von maximal "zwei bis vier Prozent Männern" aus (derzeit: 1,5 Prozent)

Kosten der Kinderbetreuung

Schattovits ist davon überzeugt, dass mit dem Kinderbetreuungsgeld "tendenziell" mehr Geld in die Kinderbetreuung gepumpt werden wird. Sauerborn kann dem so nicht zustimmen. Ohne flankierende Qualitätsmaßnahmen kämen die öffentlichen Kinderbetreuungseinrichtungen dadurch sogar unter Druck.

12.000 S netto

Aus dem Publikum meldet sich eine Kindergärtnerin zu Wort. Sie bekommt 12.000 S netto im Monat, obwohl sie die Matura gemacht und alle möglichen Fortbildungen absolviert hat. Diese Bezahlung sei ein "Wahnsinn", eine qualitativ gute Betreuung in derart entscheidenden Lebensjahren der Kinder müsse einfach mehr wert sein.

Unbezahltes Arbeitsverbot

Elisa Streuli, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Büro für Arbeits- und sozialpolitische Studien (BASS) in der Schweiz kann aus der Eidgenossenschaft wenig Erfreuliches berichten. Dort gibt es acht Wochen Arbeitsverbot für Mütter, die nicht notwendigerweise auch bezahlt werden. Eine Volksabstimmung über 14 Wochen bezahlter Mutterschaftsurlaub brachte eine glatte Ablehnung. Einerseits aus Angst, dass dies primär den Ausländern zu gute käme, andererseits aus Neid der älteren Frauen, die so etwas auch nicht hatten. Nur im Kanton Tessin gibt es drei Jahre Kindergeld. Aber nur für arme Familien, wobei 15 Stunden dazuverdient werden darf.

Direkte Anreize

"Es braucht direkte Anreize für die vermehrte Familienarbeit der Männer" ist Expertin Streuli, die aus der Privatwirtschaft kommt, überzeugt. Familienpolitik sei keine Gleichstellungspolitik "Beim Kinderbetreuungsgeld wird immer unterstellt, dass die Interessen der Familie indent sind mit den Interessen der Frauen", haut eine andere Diskutantin in dieselbe Kerbe.

Malus für Machos

Was können Betriebe leisten, um die Vereinbarkeitsproblematik für Eltern zu entschärfen? Streuli wünscht sich einen Malus für junge Männer, die schon beim Einstellungsgespräch etwaige Kinder an die Mütter delegieren. Schattovits sieht im Managing E-Quality einen brauchbaren Ansatz.

E-Quality-Management

Managing E-Quality setzt bei den Frührungskräften eines Unternehmens an und sensibilisiert sie in einem Seminar zur Gleichstellung von weiblichen und männlichen Mitarbeitern. Vor Augen geführt werden dabei vor allem die rein betriebswirtschaftlichen Vorteile von Maßnahmen, das Potenzial aller Mitarbeiter zu fördern und sie nicht nach Phasen der Elternschaft links liegen zu lassen.

Innovative Österreicherinnen

Die Idee kommt aus Österreich und wurde von den Wissenschafterinnen Ilse König (heute im Wissenschaftsministerium) und Erika Pircher (Chefin des Beratungsinstitutes GenderLink) entwickelt. In fünf EU-Ländern sind - unterstützt von Geldern des Europäischen Sozialfonds - erste Pilotprojekte in Realisierung. Die Erfahrungen dieser Projekte waren Inhalt der internationalen Tagung im Wiener Rathaus.

Wien ist anders

Wien wird als erste Stadt "E-Quality-Management" praktizieren. Nach Sensiblisierung der Führungskräfte gegen die Vergeudung teurer Personalressourcen erfolgt ein professionelles Training der Trainer.

(Lydia Ninz)

Share if you care.