"Abgeschobene" Hausarbeit

16. Juli 2006, 18:00
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Eine EU-Studie beleuchtet die Situation von Migrantinnen in Privathaushalten - Rechtlosigkeit kennzeichnet ihre Situation

Hausarbeit und Pflege: Wer verrichtet diese Arbeit, wenn beide Teile einer PartnerInnenschaft berufstätig sind? In einer Zeit, wo sich der Staat immer mehr aus seiner sozialen Verantwortung zurückzieht, stellen private Hausangestellte immer öfter eine Lösung dar - für jene, die es sich leisten können wohlgemerkt.Der Erwerbsarbeitssektor "Privathaushalt" ist angesichts der Veränderungen in den Familienstrukturen also im Steigen begriffen, und doch gibt es kaum Daten über diesen Bereich, der oft auch als "Schattenwirtschaft" bezeichnet wird. Nach Schätzungen der Bundesregierung gibt es in Österreich rund 150.000 Beschäftigte in Privathaushalten, doch nur 10.000 davon sind legal angemeldet. Viele Migrantinnen arbeiten in diesem Bereich, wobei die oft fehlende Arbeits- bzw. Aufenthaltserlaubnis sie in diese prekären Arbeitsverhältnisse zwingt. Im Rahmen des Lefö-Bildungsseminars "Frauen.Arbeit.Migration", das vom 6. bis 8. Juli in Wels stattfand, wurde auch die EU-Studie "Migrantinnen in Privathaushalten" präsentiert. Die 2004 unter der Leitung der Migrantinnen-Selbstorganisation "Maiz" erhobene qualitative Studie beleuchtet die Situation von Migrantinnen und deren ArbeitgeberInnen, und stellt gleichzeitig das weltweite Phänomen der Frauenarbeitsmigration in Zusammenhang mit der vergeschlechtlichten Arbeitsteilung (Produktion-Reproduktion) in den Aufenthaltsländern.

Situation der Migrantinnen

Die qualitativen Interviews mit den Hausarbeiterinnen zeigten, dass viele Migrantinnen wegen ihres nicht-legalen Statuses in den Privathaushalt flüchten. Die Tätigkeit im Haushalt wird als Übergangslösung gesehen. Allerdings fehlen arbeitsrechtliche Grundlagen - Stundenlöhne, Anfahrtskosten, Überstundenpauschale werden im Gespräch mit den ArbeitgeberInnen ausgemacht, den Hausarbeiterinnen fehlt jedes Druckmittel. Ausschlaggebend für die Auswahl ist einzig und allein das Geschlecht, das Migrantinnen offenbar zur Hausarbeit prädestiniert, der eigentliche Beruf und sonstige Qualifikationen sind nicht von Interesse. Auch die Herkunft der Migrantin spielt eine Rolle, wobei hier rassistische Zuschreibungen wie "Polinnen sind sauber und zuverlässig" usw. zum Tragen kommen.

"Vertrauenstests"

Die Befragten berichteten von demütigenden "Vertrauenstests", die den Verdacht der Kriminalität aufgrund der Herkunft in sich trugen. Grundsätzlich wurde das Verhältnis mit den ArbeitgeberInnen aber als freundlich beschrieben ("Sie will mir ja helfen", "Sie ist wie eine Mutter"). Vor allem bei der Job-Suche kam es öfters zu sexuellen Übergriffen bzw. Belästigungen. Die Verknüpfung der Kategorien Geschlecht, Privatheit, "Ausländerin" dienen laut den Studienautorinnen offenbar zur Legitimation sexueller Gewalt.

Befragung der Arbeitgeberinnen

Die befragten ArbeitgeberInnen sprachen sich im großen und ganzen positiv über die eigene Berufstätigkeit aus. Die Mehrheit arbeitete Teilzeit aufgrund von Betreuungspflichten. Selbst bezahlt im Haushalt zu arbeiten, konnte sich jedoch keine der Befragten vorstellen. Migrantinnen würden aus dem "Emanzipationsdiskurs", wonach Hausarbeit ein Synonym für die ungerechte Arbeitsverteilung zwischen den Geschlechtern ist, ausgeschlossen, analysieren die Studien-Autorinnen: "Die Reproduktion sozialer Hierarchien durch die Anstellung einer Haushaltsarbeiterin wird von den Interviewpartnerinnen kaum reflektiert". Es folgt: "Hausarbeit bleibt somit weiterhin Frauensache, wird jedoch auf Migrantinnen 'abgeschoben' und somit ethnisiert."

Maßnahmen

Die fehlende soziale Absicherung ist für Privathaushalts-Angestellte das größte Problem. Der 2006 eingeführte "Dienstleistungsscheck" ermöglicht stundenweise angestellten Hausarbeiterinnen zwar, eine Sozialversicherung zusammenzutragen, doch ist dieser wiederum an eine Arbeitsbewilligung geknüpft.Die Migrantinnenorganisation maiz fordert im Rahmen ihrer Studie die Geltendmachung von arbeitsrechtlichen Mindeststandards im Kontext von Privathaushalten - unabhängig vom legalen Status. Gleichzeitig kritisiert sie die restriktive Praxis der (Nicht-anerkennung) von Berufs- und Universitätsabschlüssen in Österreich, die Migrantinnen zusätzlich in die Branche drängen. (freu)

Links

Maiz

Lefö solidar.org - Rechtscharta für ausländische Hausarbeiterinnen in Europa

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