Japan beendet jahrelange Ära der Nullzinspolitik

14. Juli 2006, 08:39
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In Japan steht am Freitag ein historischer Wendepunkt in der Geldpolitik bevor

Tokio - In Japan steht am Freitag ein historischer Wendepunkt in der Geldpolitik bevor. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wird die Bank of Japan (BoJ) dann erstmals seit sechs Jahren ihren Schlüsselzins erhöhen und so die Ära der Null-Zins-Politik beenden. Die Währungshüter können sich der globalen Verteuerung des Geldes erst mit Verzögerung anschließen, da ihre Wirtschaft erst vor kurzem eine jahrelange Stagnation und Deflation überwunden hat.

Der umstrittene Notenbank-Chef Toshihiko Fukui wird seinen acht Kollegen im BoJ-Führungsgremium voraussichtlich vorschlagen, den japanischen Leitzins - den Zielsatz für Tagesgeld - auf 0,25 Prozent zu erhöhen. Nach Einschätzung von Experten dürfte dies nur der erste Schritt einer langsamen, aber stetigen Straffung der Geldpolitik in Japan sein. "Die BoJ macht sich vielleicht noch Sorgen über den Ausblick für die US-Wirtschaft, aber wenn sie ihre Politik jetzt nicht normalisiert, riskiert sie ein Heißlaufen der heimischen Investitionen", erläutert Masaaki Kanno, Chefvolkswirt von JP Morgan in Tokio.

Tritt gefasst

Da die japanische Wirtschaft nach sieben Jahren kontinuierlich und auf breiter Front sinkender Preise wieder Tritt fasst, ermuntert das billige Geld derzeit immer mehr Firmen zum investieren. Im ersten Vierteljahr legte die Wirtschaft mit einer Jahresrate von gut drei Prozent zu. Damit wächst die Wirtschaft seit über einem Jahr ununterbrochen. Auch andere Barometer zeigen, dass die Wirtschaft endgültig die Krise überwunden hat, in die sie das Platzen einer riesigen Spekulationsblase Anfang der neunziger Jahre gestürzt hatte.

So steigen allmählich auch die Verbraucherpreise wieder. Die vorherige Deflation lähmte jahrelang die Verbraucherausgaben und damit einen der wichtigsten wirtschaftlichen Wachstumsmotoren. Die japanischen Konsumenten verschoben ständig wichtige Anschaffungen, weil sie künftige Preissenkungen abwarten wollten.

Letzte Zinserhöhung wurde Fiasko

Vor allem japanische Politiker machen sich Sorgen, dass das Ende der Null-Zins-Politik die Wirtschaft noch immer auf dem falschen Fuß erwischen könnte. Dabei verweisen sie immer auf die Vergangenheit, denn die letzte Zinserhöhung der BoJ geriet zum Fiasko. Im August 2000 erhöhte sie schon einmal die Zinsen von Null auf 0,25 Prozent. Kurz darauf erlahmte das Wirtschaftswachstum, nachdem die weltweite Internet-Blase platzte. In den folgenden Monaten musste die BoJ zurück rudern. Um die Wirtschaft wieder in Gang zu bekommen, pumpten die Währungshüter dann jahrelang direkt riesige Geldmengen ins Bankensystem. Diese Politik der "quantitativen Lockerung" beendete die BoJ erste im März dieses Jahres, um wieder zu einer konventionellen Geldpolitik zurückzukehren, bei der die Notenbank die Wirtschaft indirekt über den Zinssatz steuert.

Die Notenbanken in Europa und vor allem in den USA sind den Japanern bei der Straffung der Geldpolitik um einige Schritte voraus. Die Europäische Zentralbank (EZB) hat seit Dezember ihren Schlüsselzins für die Euro-Zone in drei Schritten von 2,0 auf mittlerweile 2,75 Prozent erhöht. Auch in der Euro-Zone wird das Geld bald schon wieder verteuert: EZB-Präsident Jean-Claude Trichet hat bereits für August indirekt die nächste Zinserhöhung angekündigt. Die US-Notenbank Federal Reserve hat ihren Zins sogar inzwischen 17 Mal in Folge angehoben, von 1,0 auf 5,25 Prozent. In der weltgrößten Volkswirtschaft dürfte die Straffung der Geldpolitik damit bald an ihrem Ende angelangt sein. (APA)

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