Journalisten im Spannungsfeld Nachricht-Macht-Geld-Patriotismus

26. Juli 2006, 12:59
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Irak-Krieg: Experten kritisieren fehlende und falsche Berichterstattung

Journalisten müssen ständig im Spannungsfeld zwischen objektiver Berichterstattung, den Wünschen von Eigentümern und Kunden, Patriotismus und Selbst-Zensur agieren. Das war Kernpunkt einer Diskussion am Mittwoch mit David Dadge vom Internationalen Presse Institut (IPI) in Wien anlässlich des Erscheinens seines neuen Buches "The war in Iraq and why the media failed us" (Der Irak-Krieg und warum uns die Medien im Stich ließen).

Dadge: Medien haben ihre Aufgabe nicht erfüllt

Das Buch, das Ende Juli erscheint, analysiert die US-amerikanische Medienberichterstattung in Zusammenhang mit dem Irak-Krieg. Umfragen zeigen, dass ein großer Teil der Amerikaner glaubte, die Truppen hätten Massenvernichtungswaffen im Irak gefunden und Saddam Hussein sei für die Terroranschläge vom 11. September 2001 (mit)verantwortlich. Für Dadge steht fest: die Unterstützung des Irak-Krieges durch die Bevölkerung basierte auf falschen oder fehlenden Informationen, die Medien hätten ihre traditionelle Rolle als Skeptiker und Wachhund nicht wahrgenommen und schlichtweg ihre Aufgabe nicht erfüllt: die Bevölkerung zu informieren und Aussagen der Regierung und Geheimdienste kritisch zu hinterfragen.

"Pentagon Papers" und nationale Sicherheit

Der beste Weg, um die Berichterstattung zu beeinflussen, sei zu betonen, dass es die nationale Sicherheit betreffe und den Patriotismus mit ins Spiel zu bringen, sagte Dadge. So wollte die US-Regierung 1971 die Veröffentlichung einer geheimen Studie über den Vietnamkrieg, die so genannten "Pentagon Papers", durch die "New York Times" verhindern, indem sie behauptete, durch die Veröffentlichung werde die nationale Sicherheit beeinträchtigt.

Angst um Job

Journalisten könnten die Bush-Regierung häufig gar nicht kritisieren, aus Angst, den Job zu verlieren. Schließlich würde das wichtigen, regierungsfreundlichen Anzeigenkunden und Lesern oft nicht gefallen. Grund dafür sei vor allem die Pressekonzentration in den USA - die Medien würden von einigen wenigen Konzernen kontrolliert.

"Shareholder Value wird immer wichtiger"

"Der Shareholder Value wird immer wichtiger als der journalistische Gegenstand", ist Dardis McNamee von der Webster University in Wien überzeugt. Es sei alles eine Frage des Geldes und der Macht: "Journalisten haben nur so viel Unabhängigkeit, wie sie sich leisten können."

"Wenn man etwas oft genug betont, glauben es die Leute"

Die Menschen sollten Informationen hinterfragen und nicht einfach hinnehmen. Das sei allerdings nicht einfach, gibt McNamee zu. "Wenn man etwas oft genug betont, glauben es die Leute." Der US-amerikanische Präsident George W. Bush etwa habe beim EU-USA-Gipfel Mitte Juni in Wien ständig wiederholt, wie großzügig die USA in Bezug auf humanitäre Hilfe in Afrika seien. "Viele Medien haben darüber berichtet, niemand hat daran gezweifelt, obwohl es eine Lüge ist." Häufig fehle auch schlichtweg die Zeit, um alle Informationen zu verifizieren: "Innerhalb eines straffen Zeitrahmens ist das unmöglich."

Ausweg "Citizen Journalism"

Einen Ausweg könne eventuell der "Citizen Journalism", beispielsweise durch Weblogs, darstellen. "Das Internet ist gut, um Informationen zu verbreiten, aber es kann dennoch beeinflusst und zensuriert werden", meint Autor Dadge. "Politiker wollen keine Fragen von Journalisten beantworten, aber wenn der Bürger direkt fragt, bekommt er vielleicht Auskunft", zeigte er sich dennoch optimistisch. (APA)

Die Veranstaltung fand in Zusammenarbeit des Renner-Instituts, der politischen Akademie der österreichischen Sozialdemokratie und der "Democrats Abroad Austria", einer offiziellen Organisation in der US-amerikanischen Demokraten in Österreich, statt.

Link
Internationales Presse Institut (IPI)

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