"Topkapi-Erklärung": Moslemvertreter bekennen sich zu Europa

15. Juli 2006, 16:25
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Bei Konferenz in Istanbul erteilten islamische Geistliche und Intellektuelle Absage an den sich auf den Islam berufenden Terrorismus

Istanbul - "Wir verurteilen und verabscheuen die gewalttätigen Aktionen einer kleinen Minderheit von Muslimen, die Gewalt und Terror gegen ihre Nachbarn und Mitbürger entfesselt haben, indem sie die Lehre des Islam verdrehen": Mit diesen Worten sprachen sich die Teilnehmer der "Muslims of Europe Conference" in Istanbul in der so genannten "Topkapi-Erklärung" gegen Gewalt im Namen des Islam aus, wie Kathpress meldet. Zugleich bekräftigten sie in dieser Erklärung ihr Ja zu Europa: "Die europäischen Muslime sind in Europa zu Hause. Sie haben Beiträge zu Europas Vergangenheit geleistet und sind Anteilseigner seiner Zukunft".

Die Unterzeichner - islamische Geistliche und Intellektuelle unter Federführung des bosnischen Reis-ul-ulema, Mustafa Ceric - waren auf Einladung des britischen Außenministeriums in Istanbul zusammengekommen, um die Rolle und Bedeutung des Islam in Europa zu diskutieren. Es wurde, so die deutsche Wochenzeitung "Die Zeit", "nach Wegen gesucht, aus der Defensive zu kommen" und die "Opfermentalität" abzulegen, die sich der Islam vielerorts in Europa zugelegt habe. Die Soziologin Hebba Rauf Izzat aus Kairo kritisierte darüber hinaus die Tendenz islamischer "Einkapselung".

Aus Österreich nahm an der Konferenz unter anderem der Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft, Anas Schakfeh, teil. Im "Kathpress"-Gespräch bezeichnete er die Beratungen als "sachlich" und zielführend; er appellierte an alle muslimischen Institutionen und Körperschaften auch in Österreich, die Erklärung publik zu machen. Die Erklärung richte sich bewusst nicht an alle Muslime weltweit, sondern an die Muslime in Europa.

Schwerpunktthemen: Integration und Gewalt

Die beiden Schwerpunkte der Diskussion wie der "Topkapi-Erklärung" bildeten seines Erachtens die Themen Integration und Gewalt. Integration müsse "ohne Nationalismus und Chauvinismus" gelingen, der Gewalt im Namen der Religion müsse eine strikte Absage erteilt werden. Religion, so Schakfeh wörtlich, werde im Blick auf die Rechtfertigung von Gewalt "sehr oft nur als Schnittlauch über die Suppe gestreut".

Das Ergebnis, die so genannte "Topkapi-Erklärung", geht laut Bericht der "Zeit" insbesondere auf die Initiative des in Oxford lehrenden - allerdings umstrittenen - muslimischen Intellektuellen Tariq Ramadan zurück. Häusliche Gewalt, Zwangsheiraten und die weit verbreitete Ungleichheit zwischen Mann und Frau seien im "eigenen Interesse" der Muslime zu kritisieren und als "unislamisch" zu verurteilen, so Ramadan. Nicht jede Kritik sei "mit Vorurteilen und Islamophobie zu erklären". Ramadan plädierte dafür, dass sich die Muslime als "kritisch loyale" europäische Bürger verstehen müssten.

Mustafa Ceric bekräftigte in seinem Konferenz-Statement, dass die europäische Kultur "nicht allein einen christlichen und jüdischen Kern hat, sondern gleichermaßen auch einen islamischen Kern". Muslime wollten daher in Europa "nicht länger als geduldete Minderheit" gelten. Vielmehr stünden sie hinter der europäischen Rechtsstaatlichkeit, dem Pluralismus und der Demokratie, jedoch ohne ihre religiöse Identität aufzugeben: "Ein Euro-Islam, der allein auf Säkularisierung setzt, interessiert die Muslime nicht", so Ceric laut "Frankfurter Rundschau".

Aufruf an Muslime, säkularer Rechtsordnung ihrer Länder zu gehorchen

Die "Topkapi-Erklärung" gliedert sich in elf Punkte, in denen die geschichtliche Bedeutung des Islam für Europa hervorgehoben wird, die es für die heutigen europäischen Muslime nicht zu vergessen gelte. Der Islam, so die Erklärung weiter, rufe die in Europa beheimateten Muslime heute dazu auf, der säkularen Rechtsordnung in ihren Ländern zu gehorchen und als "loyale Bürger" ihr jeweiliges europäisches Land gegen "Aggressoren" zu verteidigen.

Zugleich erteilt die Erklärung jeder Form des sich auf den Islam berufenden Terrorismus eine klare Absage: "Unter keinen Umständen erlaubt der Islam den Terrorismus und die Tötung von Zivilisten. Terrorismus ist ein Verstoß gegen die Prinzipien des Islam und die überwiegende Mehrheit der Muslime bekennt sich zu diesem Grundsatz". Weiters betont die Erklärung, dass der Islam ausdrücklich die Religionsfreiheit als "ethische Verpflichtung" anerkenne.

Dem Wunsch des britischen Außenministeriums entsprechend, soll die Konferenz eine Fortsetzung in einer anderen europäischen Stadt finden. Im Gespräch sind London, Paris oder Berlin.(APA)

  • Artikelbild
    foto: muslimsofeurope.com
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