Warten am Eiger auf den Absturz

16. Juli 2006, 21:41
3 Postings

Das Naturschauspiel lässt erahnen, was die Klimaerwärmung für den Alpenraum bedeuten kann - Nicht nur die Gletscher schmelzen

Genf/Grindelwald - Hansruedi Burgener, Wirt vom "Bär-egg"in fast 1800 Meter Höhe im schweizerischen Grindelwald, hat alle Hände voll zu tun. Er bereitet sich auf das zweite "Absturzwochenende"vor. Sein erst im Juni eröffnetes Restaurant liegt in Sichtweite der Ostflanke des Eigers. Und hier besteht Gefahr, dass von einer Felsnase auf 250 Meter Breite zwei Millionen Kubikmeter Fels ins Tal stürzen. "Die Wetterprognosen sind gut, und mancher will sich dieses Naturschauspiel natürlich einmal aus aller Nähe ansehen", sagt Burgener.

Am Eiger lässt sich erahnen, was die Klimaerwärmung für den Alpenraum bedeuten kann. Nicht nur die Gletscher schmelzen - auch die Bergbahnen stehen auf immer unsicher werdendem Grund.

Geologe Hans Rudolf Keusen beobachtet seit Wochen die Bewegungen am Eiger. Mit einem Laserscanner stellt er fast stündlich Veränderungen fest. Am gestrigen Mittwoch hatten sich die Felsbewegungen auf 91 Zentimeter pro Tag verstärkt, rund sechs Meter breit war der Spalt. Wann der Fels im Umfang von 2000 Einfamilienhäusern abbricht, weiß auch Keusen nicht. "Es kann recht unspektakulär ablaufen", meint er.

In Grindelwald stürzen die Felsen auf den unteren Grindelwaldgletscher. Mittlerweile hat der Bergschutt die Gletscherzunge teilweise schon verdeckt.

Spannungen im Berg

Ursache für den Spalt sind offenbar Spannungen im Berg, die sich nach dem Rückgang des Gletschers entladen. Eindringendes Wasser trägt ebenfalls dazu bei, dass der Berg brüchig wird.

Und dies wird sich auch fortsetzen: Steigen die Sommertemperaturen um drei Grad, verlieren die Gletscher 80 Prozent der Eisfläche, wie sie etwa von 1971 bis 1990 bestand, fanden Forscher der Universität Zürich heraus. Solche Temperaturänderungen gelten als realistisch.

Gefährdet sind auch die Bergbahnen. In der Zone über 2800 Meter wird der Fels instabiler. Rund 16 Prozent aller Bergbahnen stehen laut Angaben des "Verbandes Seilbahnen Schweiz"in Permafrostzonen und somit in Gebieten, die sich verändern. Millionen an Investitionen werden nötig, um Pfeiler vor dem Absacken zu bewahren.

Es sind denn auch die Bergbahn-Gesellschaften, die Gletscher mit Folien abdecken, um das Abschmelzen zu verhindern. Und bei Bergstationen wird in Hohlräume sogar kalte Luft geblasen, um den Berg zu kühlen. (dpa, Heinz-Peter Dietrich, DER STANDARD Printausgabe 13.7.2006)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Blick auf die instabile Felsspalte an der Ostflanke des Eigers

Share if you care.