Sähr schräg, sähr quär

4. Jänner 2007, 19:09
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V2, Enduro-Mode und Straßenreifen - Ob die KTM 950 Supermoto wirklich Spaß macht? Aber wie, meint Guido Gluschitsch

Na, das fängt ja schon gut an. Die ersten Kilometer auf der KTM 950 SM darf ich als Sozius verbringen. Sehr super. Ich hab die Hosen gestrichen voll, aber ausgemacht ist ausgemacht. Der Herr Fidler hat die Kanten vor ein paar Tagen geholt. Jetzt sind wir auf dem Weg zu Yamaha, wo er sich die Tricker unter den Nagel reißen wird. Und bitte, bis zu Yamaha ist es nicht der kürzeste Weg, von der Herrengasse aus.

Der Herr Fidler drückt schon ganz schön an, legt um wie der Böse und beplaudert dabei so nebenbei mit mir die To-do-List der nächsten Wochen. Bei den Yamsen angekommen, sagt er dann noch zu mir "Brauchst nicht auf mich warten. Kannst gleich weiterfahren." Eh klar. Nachdem der Herr Fidler ums Eck gebogen ist, versuche ich mir zitternd eine Zigarette anzuzünden und beeile mich dann mit dem Rauchen, damit ich auch wirklich weg bin, bis er wieder raus kommt.

Am Weg in Firma ging es mir dann schon besser. Der V2 schob mächtig an. Und wenn man nicht aufpasst, dann konnte es schon passieren, dass im dritten Gang das Vorderrad auf einmal leicht wurde. Natürlich hat mir das angefangen zu gefallen, aber zum Glück wurde der Verkehr bald wieder so dicht, dass weitere blöde Spielereien nicht die beste Idee gewesen wären. Man kennt ja meine Fallsucht bei Übermutsaktionen.

Am Samstag war dann der Tag der Revanche. Sozia-Test. Getroffen hat es die Frau Lektorin. Nicht nur, dass mit dem Lesen meiner Texte ihr Nervenkostüm schon sehr strapaziert ist, darf sie auch noch auf der Kanten mitfahren, um dann mit mir einen Café trinken zu gehen. Und man muss sich einmal vorstellen, die Frau Lektorin hat sich auch noch gefreut, dass sie mitfahren darf. Also wieselten wir einmal durch die ganze Stadt.

Ich wartete auf das leise Wimmern von hinten. Oder hin und wieder ein entsetzter Schrei, während ich zwischen zwei Kolonnen durchsteche, das wäre auch in Ordnung gewesen. Aber nein, da wimmerte nichts, da schrie niemand. Nur hin und wieder spürte ich ein leichtes Vibrieren. Saß die Frau Lektorin doch wirklich hinten auf der Kanten und lachte. Welch Niederlage. Die fühlte sich wohl. (Auja *gggg* – Anm. d. Lektorin)

Beim Café fragte ich dann, warum sie so gelacht hätte. "Weißt, Guido, ich kenne deine Texte ja sehr gut. Und ich fand es immer sehr lustig, wie du dich selber runter machst. Aber als ich draufgekommen bin, dass du wirklich so herumeierst, wie du immer schreibst, da hab ich mich nimmer halten können." Mit einem Siegerlächeln stellte sie sich den Capuccino ins Gesicht und sprach weiter: "Aber das Motorrad ist schwer OK. Ich find es recht gemütlich auf ihr."

Ja Himmel. Jetzt ist die Kanten auch noch gemütlich. Nein, dafür ist sie nicht gebaut, dass meine Lektorin sich auch noch darauf wohl fühlt. Ich meine 71 kW, 90 Nm, das alles auf Stelzen und mit einer schmalen Sitzbank. Scharfe SuMo-Optik und die lässt sich um die Kurve dreschen, dass einem die Freudentränen waagrecht raus schießen und die Frau Lektorin lächelt und sagt Worte wie "gemütlich"?

>>>Tatsächliche Berichtigung

Nein, die KTM 950 ist eine Macht. So schaut es aus. Ich meine, allein die Eckdaten sprechen für sich. Viertakt-V2 mit 942 ccm. Das macht fast 100 flotte Pferde, welche die nicht einmal 200 Kilogramm schwere KTM aus dem Drehzahlkeller treten, wie mich sonntags meine Mutter zur Frühmesse. Dabei drängt das Vorderrad mit einer Vehemenz in Richtung des Wohnsitzes des Angebeteten, dass eigentlich alle Priester KTM fahren müssten. Allerdings ist die Kanten schon ein Teufelszeug und zeigt nicht unbedingt den kürzesten Weg ins Paradies an.

Bei mir war das nämlich so. Ich, noch voll im Erzbergtrauma, erinnere mich, dass die 950 SM ja eigentlich aus dem Gelände kommt, aber jetzt für den festen Boden umgemodelt wurde. Das heißt? Genau. Betoniertes und asphaltiertes Gelände suchen. Der Kampffloh war natürlich sofort dabei, als ich meinte, wir machen mit der Kathi die Gasometer unsicher.

Bei der Hinfahrt hab ich sogar einen wunderschönen Drift geschafft. Das geht aber so was von einfach. Vermutlich hab ich nach dem Erzberg auch noch ein Gefühl dafür gehabt, wie das tun muss. Es war jedenfalls eine Hetz, dass die Hälfte gereicht hätte, um mich zum Weinen zu bringen, wenn ich die SM wieder hergeben muss.

Stufen rauf, Treppen runter, inmitten von staunenden und fotografierenden Touristen. Die Einheimischen sahen das wie üblich nicht ganz so locker. Auf dem Weg nach Hause ließ ich die KTM noch ein paar Mal aufsteigen. Vermutlich nur ein paar Zentimeter, aber es fühlte sich an, als würde ich gleich hinten runter fallen. "Wheeley-Fotos?" "Besser nicht. Sonst ist wieder eine Reiben hin. Und das hat die Kanten echt nicht verdient."

Ein wenig bin ich mit der 950 SM dann aber doch noch gefahren. Einfach nur, weil es so unendlich viel Spaß macht, sie umzulegen. Da sind auf einmal Schräglagen möglich, die man sonst nie fahren würde. Da werden Supersportler im Spiegel ganz schnell ganz klein. Während die einen ihren Reiskocher würgen, der eh schon mit allen möglichen Trümmern aufsetzt, fährt man mit der österreichischen Supermoto ganz locker durch die Kurve – nur halt ein bisserl schneller als die anderen.

Und wer jetzt mosern möchte, dass die Orange sicher eine Hetz ist, wenn man sich ins Kurvengewühl wirft, aber die Langstreckentauglichkeit quasi nicht vorhanden ist, dem sei empfohlen, dringend beim KTM-Händler seines (oder auch ihres – im Sinn des Gleichbehandlungsgestezes – Anm. d. Lektorin) Vertrauens vorzusprechen und ein Testeisen auszufassen. Er (/sie – Anm. d. Lektorin) wird eines Besseren belehrt werden. Ganz von allein.

An dem Supermoto aus Mattighofen passt einfach alles. Scharfe Bremsen, starker Motor, ein hervorragendes Fahrwerk. Einzige Sache, an die man sich gewöhnen muss: Ohne Cross-Stiefel, mit normalen Büro-Arbeitsschucherln, ist das Schalten schon ein wenig schwer. Aber gefahren gehört die SM natürlich eh richtig angedirndlt – dann passt auch das wieder. Ich hätte sie ja so gerne noch ein paar Jahre getestet ... (Text: Guido Gluschitsch, Fotos: Guido Gluschitsch, Lydia Hahn, derStandard.at, 12.7.2006)

KTM 950 Supermoto

Preis: EUR 12.950,-

Motor: 2-Zylinder-Viertakt. Hubraum: 942 ccm. Leistung: 72 kW/98 PS bei 8.000 U/min. Max. Drehmoment: 94 Nm bei 6500 U/min. Antrieb: Kette, 6-Gang-Getriebe. Bremsen: Brembo Vierkolben Festsattel, zwei schwimmende Scheiben vorne, eine hinten. Sitzhöhe: 865 mm. Trockengewicht: 191 kg. Tank: 17,5 l.

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KTM

  • KTM 950 SM oder: Guido Gluschitsch, Beherrscher der Macht.
    foto: derstandard.at

    KTM 950 SM oder: Guido Gluschitsch, Beherrscher der Macht.

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