Wandern ohne Wirtshaus

18. Juli 2006, 16:54
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Die walisische Hügel- oder doch Berg-Frage ist geklärt: Es gibt sie, die schroffen Zinnen. Zu ihrer Erklimmung sollte man sich aber warm anziehen

Das Wales der grünen Hügel, das Auenland von Tolkiens "Der Herr der Ringe", es hat auch Berge. Der Mount Snowdon (walisisch: Yr Wyddfa) ist mit 1085 Metern die zweitgrößte Erhebung Großbritanniens - südlich des schottischen Hochlandes. Ein sympathischer Berg insofern, als eine altmodische Zahnradbahn bis zu seinem Gipfel führt. Die Fahrtdauer ist in etwa so lang wie der Aufstieg zu Fuß. Sehr gerecht! Echte Bergfexe aber starten vom Peny y Pass nahe dem Peny y Gwyrd Hotel, weil es von dort auch einmal Sir Edmund Hillary, der spätere Mount-Everest-Erstbezwinger, getan hat. Seine nagelbehauenen Schuhe hängen heute im urigen kleinen Hotel (mit original viktorianischen Bädern) stolz von der Decke.

 

Mit hochalpinen Verhältnissen ist zu rechnen, also auch mit ein paar leichten Kletterstücken. Und sogar im Juni ist man mit einer Haube nicht falsch bestückt, denn am Gipfel pfeift der Wind. Aber leider kein Teekessel. Eine Gastwirtschaft ist erst in Planung. Shocking! Man muss gestehen, dass der Snowdon gut frequentiert bis überlaufen ist.

Echtes Wandergefühl

Das echte Wandergefühl macht sich am südlich gelegenen Cadre Idris breit. Ein neben Wasserfällen und - wie überall in Wales - quer durch Schafweiden sich ziehender, später in steinige Stufenwege übergehender Pfad auf diesem zweithöchsten walisischen Berg führt um einen Krater herum, in dessen Mitte ein glitzernder See liegt. Die Legende behauptet: Wer auf den Cadre Idris steigt, wird entweder blind, verrückt oder ein Dichter. Nun ja, mal abwarten - und Tee trinken. Obwohl, das geht ja wieder nicht. Auch dieser Gipfel ist hüttenlos, und so nimmt man die Gepflogenheit des Dürstens einfach an.

Der Blick hier oben reicht bis zum Meer, dessen salzigen Geschmack man spürt. Es ist kalt, die Regenwolken hängen bereit, aber sie verzichten diesmal. Nach fünf, sechs Stunden des zügigen Wanderns über den moosig weichen Grat hoch über dem magischen See erwacht irgendwann der Hobbit in einem und macht einen glauben, man müsse irgendwo im Tal einen wichtigen Ring abliefern. Doch es geht einfacher: Peter Hewlett von Edge of Wales Walk wartet mit dem Minibus unten und bringt die Müden zum nächsten Hotel. Von wo aus es am nächsten Tag zur leichteren Küstenwanderung rund um die Insel Anglesey geht. Dort lernt man Trottellummen und Dreizehenmöwen kennen. Verdiente Faulenztage verbringt man am besten im wunderbar öden Seebad von Llandudno. Das dortige Empire Hotel hat Britanniens beste Betten. Könnte stimmen. (Margarete Affenzeller/Der Standard/rondo/14/7/2006)

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    foto: anglesey walking holidays
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