Musikrundschau: Paranoia ist sexy, Panikattacken sind cool

14. Juli 2006, 11:23
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Neue Alben von CSS, Celtic Frost, Grant-Lee Philipps, Young People and The Paper Chase

CSS
Cansei De Ser Sexy

(Sub Pop/Trost)
Der Albumtitel ist ein der US-R'n'B-Langweilerin Beyonce Knowles zugeschriebenes Zitat: "I'm so tired of being sexy." Dafür eine römische Eins im Fach Mariah Carey! Hier hören wir allerdings fünf Frauen und einen Mann aus dem brasilianischen Sao Paulo auf den Spuren klassischer New Wave Partysounds zwischen The B-52's, Tom Tom Club und Talking Heads. Angereichert wird das Ganze zwar mit etwas überständigem Electro-Rock, der gerade auch das neue Album von Peaches (Impeach My Bush) zum kreativen Stillstand bringt - und dennoch ordentlich das Haus rockt. Der Charme des gehobenen Dilettantismus in charmanten und herzigen CSS-Songs wie Let's Make Love And Listen To Death From Above, Art Bitch oder Meeting Paris Hilton versöhnt dann aber doch.

CELTIC FROST
Monotheist

(Century Media)
Vor gut 20 Jahren veröffentlichte das kultisch verehrte Schweizer Avantgarde-Metal-Trio mit dem Album Into The Pandemonium einen Klassiker des Genres. Darauf wurden nicht nur handelsübliche Black Sabbath-Riffs mit sakraler Gruftie-Klassik kombiniert. Auch Anklänge an Rap und Marschmusik kamen zum Einsatz: Celtic Frost, eine der einflussreichsten Bands des Genres. Nach auch frisurentechnisch und kostümmäßig ziemlich überzogenen Versuchen, den US-Markt zu erobern, war dann um 1990 herum Schluss. Jetzt veröffentlichen die beiden Originalmitglieder Tom Gabriel Fischer alias Warrior und Martin Eric Ain mit dem neuen Schlagzeuger Franco Sesa ein weiteres düsteres Meisterwerk. Und mit einschlägigen Kompositionen wie A Dying God Coming Into Human Flesh, Totengott oder der 14-minütigen Zeitlupenlawine Synagoga Satanae, vor allem aber auch dem mächtigen Drone-Rock von Drown In Ashes wird bewiesen, dass man auch am schönen Zürichsee ordentlich einen an der Klatsche haben kann. Ein Album des Jahres. Groß!

GRANT-LEE PHILLIPS
Nineteeneighties

(Cooking Vinyl/Hoanzl)
Nach den etwas überladenen Soloalben der letzten Jahre hat sich der alte US-Americana-Musikerheld von Grant Lee Buffalo hier auf das Wesentliche beschränkt und interpretiert Lieblingslieder seiner Jugend. So erfahren alte Gassenhauer von den Pixies (Wave Of Mutilation), New Order (Age Of Consent), Joy Division (The Eternal) oder Echo and The Bunnymen (The Killing Moon) hübsche, getragene und völlig uneitle Neudeutungen auf Klavier-, Beserlschlagzeug- und Akustikgitarrenbasis. Nur die Smiths sollte man in Ruhe lassen: Last Night I Dreamt That Somebody Loved Me.

YOUNG PEOPLE
All At Once
(Too Pure/Edel)
Sängerin, Pianistin und Schlagzeugerin Katie Eastburn und Gitarrist / Bassist Jarrett Silberman aus New York sind mit ihrer Band 2006 zum Duo geschrumpft. Dies macht den kammermusikalischen, auf niedriger Geschwindigkeit, aber hoher Intensität laufenden Charakter ihrer Songs zwischen Fin- und Fadesse, zwischem dem edlen Trümmerpop von Sonic Youth und der naiven Verzweiflung der legendären britischen Young Marble Giants noch zwingender. Gelacht wird hier in den Songs zwar selten. Mit Songs wie Slow Moving Storm, Heads Will Roll, Reapers oder Your Grave sind den Young People aber einige der schönsten musikalischen Katerstimmungen der letzten Monate gelungen.

THE PAPER CHASE
Now You Are One Of Us
(Kill Rockstars/Trost)
Die ungeschlagenen Könige des melodischen, aber hypernervösen US-Panikattacken-Emocore, irgendwo angesiedelt in der Mitte zwischen Freddie Mercury und Queen, Jaques Brel, Muse und US-Hartbarteln wie Black Flag, im Großen und Ganzen also sehr, sehr hysterisch, legen mit diesem neuen Album bewährte Arbeit vor. Ganz neu ist das alles nicht mehr. Aber man kann schließlich auch nie genug paranoid sein: "The kids will grow up to be assholes!" (schach / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14.7.2006)

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