Sciovinismo

18. Juli 2006, 13:47
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Italien ist auch nicht mehr das, was es einmal war. Die Italianità schwärt leider ungehindert durch die Weltbürgerlichkeit

Das Gute zuerst: Italien ist auch nicht mehr das, was es einmal war. Das Schlechte: Die Italianità, von der man dachte, sie hätte ihren Tiefpunkt erreicht mit Kommissar Brunetti oder den Bilitis-Porträts der Ex-Tennisspielerin Graf mit Nudeln an den Ohren, schwärt ungehindert weiter durch die Weltbürgerlichkeit. Unter dem bis zum Erbrechen wiedergekäuten Solemio-Panier zieht, von Oberlangweiler Jamie Oliver bis zu Japans Vorzeigeköchin Harumi Kurihara ("Sashimi mit Mozzarella"), alles, was isst, zu Alessis My-first-Geschirr-Design und dreieckigen Brotlappen. Und mittendrin tut sich der Österreicher als der echte Italienfreund hervor, findet Ornella Muti "rassig", kann Schtratzateller fehlerfrei aussprechen und Felicità-nanananananana singen.

Für den hiesigen Gurmetto (Gurmando?) gibt es bei Knorrs "Pasta asciutta" im Beutel; die Pasta, wohlgemerkt, ist da noch hinzuzufügen. Bei Atatürks daheim hätte es hingegen wohl kaum "Penne ala Turka" gegeben, so wie heute beim Edeltürken. Zu schweigen von diesen Lattedingern in Litergläsern, die der kleine Italiener, als notorischer Milchtrinker (die Kühe Kampaniens!) wohl gern dolcevitär zu seiner Rucolapizza runterschlabbert.

Benzin zapft man hierorts dementsprechend "Stile Italiano" (mit Ciao), Fußpilz holt man sich sommers Stile Lignano - in aufgeschütteten, angewischerlten Sandpfühlen und für die Feingeister gibt es "Musica della Mafia": eine CD-Serie von der Authentizität etwa eines "Best-of Oud-Melodies" von den Krawuzern der Al Kaida. Im cisalpinen Liebestaumel werden die hässlichen Seiten Italiens verdrängt - Bauchketterl, Salami in Parmesankruste, Flavio Briatore, Limoncello oder 15 Euro Liegestuhlgebühr. Und Pontius Pilatus war schließlich auch Itaker. Dafür hält man dem Berlusconi-Wähler völlig unreflektiert Leidenschaft, Eleganz und Eiscreme zugute - was bei Busladungen nach Strudel di mele schreienden Azzurri in Gallus-Liberty-Schuhen so klingt: "Gibte Bier in Chunderwasserchaus?"

Hier also der - gerade zur Urlaubszeit - drängende Aufruf: Wann kommt eigentlich der Albanien-Hype, das It-Land Armenien, die Seelenheimat Montenegro oder die Kultnation Dänemark? Österreich braucht einen neuen Außenchauvinismus, und zwar pronto. (Una Wiener/ Der Standard/rondo/14/7/2006)

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