Die Ritter der Kokosnuss

16. Juli 2006, 18:43
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Zehn Gründe, am Freitag trotz allem zum Konzert der Rolling Stones in den Wiener Prater zu gehen

Am Dienstag startete in Mailand eine weitere, eigentlich unnötige Stadionrock-Tournee der Rolling Stones. Am Freitag werden sie im Wiener Prater gastieren. Zehn Gründe, dennoch hinzugehen.


Ist schon klar, wir alle mögen es nicht besonders, wenn man seine Lieblingsband für 70 Euro und mehr aus der Vogelperspektive in der Reihe rechts oben, ganz hinten und dann links im Juchee nahe bei Schwechat als winzige Punkte spielen sehen muss und die schweinsohrige Akustik mehr an den Abbruch eines Wohnblocks als an ein Konzert erinnert. Dennoch gibt es einige gute Gründe, sich auch wieder dieses aktuelle Konzert der Rolling Stones am Freitag, 14. 7., im Ernst Happel-Stadion im Prater anzutun. Nennen wir einfach zehn davon:

1. Das erste selbst gesehene Rolling-Stones-Konzert ist immer das beste.
Auch wenn es im Nachhinein das schlechteste war. 1982 im Olympiastadion in München zum Beispiel. Die offensichtlich kurz zuvor noch einmal vollgetankten Herren Ron Wood und Keith Richards schnallten sich die Gitarren um. Die Maschine begann zu rollen. Ron Wood aber konnte anfangs nicht mitspielen. Er fand das Griffbrett nicht, weil er sich die Gitarre verkehrt herum, mit den Saiten am Bauch aufliegend, umgehängt hatte. Aus lauter belustigter Verzweiflung nahm Ron erst einmal einen tröstenden Schluck Whisky aus einer Kristallglasflasche, während ein Roadie die Sache in Ordnung brachte. Es sollte bis heute nicht sein letzter Schluck gewesen sein. Mehr gibt es über Rock'n'Roll eigentlich nicht zu sagen. Es wurde ein großartiger Abend. Obwohl Mick Jagger gelbe Aerobic-Hosen trug.

2. Sexuelle Revolution.
Die seit 1963 aktiven Rolling Stones ermöglichten im Gegensatz zu den Beatles und deren Kuschelkurs nicht nur erst die Freigabe der parallel mit dem Rock'n'Roll entwickelten Antibabypille. Junge Menschen werden sich jetzt zwar daran nicht mehr erinnern, aber: Hey, Leute, das bedeutet vorehelichen Geschlechtsverkehr für alle! Zumindest theoretisch. Im Juli 1968 sollte dann der Vatikan in der Enzyklika Humanae Vitaedie Pille offiziell ächten. Im November desselben Jahres reagierten die Rolling Stones mit dem fantastischen Album Beggars Banquet. Darauf enthalten, der beste aller Songs von Mick Jagger und Keith Richards. Noch heute ist er fixer Bestandteil jedes Konzerts: Sympathy For The Devil. Und, wer hat jetzt gewonnen?! Eben.

3. "Time waits for no one":
Die Rolling Stones werden für uns alt. Spätestens als Mick Jagger am 26. Juli 1993 seinen 50er feierte, waren wir wegen der quälenden Frage beruhigt, ob es nicht grimmig wäre, einmal unwürdig zu vergreisen. Siehe auch: gelbe Aerobic-Hosen. Sprich: Solange man sich nicht selbst blöd dabei vorkommt, ist das doch egal! Angesichts eines Verses des eben verstorbenen großen Frankfurter Dichters Robert Gernhardt hegt man gegenüber der im Vergleich zu einem selbst ständig jünger werdenden Weltjugend seitdem auch nur mehr milde Neidgefühle: "Sie behaupten, sie stehen voll im Leben - auch das wird sich mal geben."Danke, Mick!

4. Die alte Glaubensfrage "Beatles oder Rolling Stones?"
lässt sich so beantworten: Bundeskanzler Dr. Wolfgang Schüssel ist Beatles-Fan.

5. Die Rolling Stones haben in den 70er-Jahren den so genannten Stadion-Rock überhaupt erst erfunden.
Damals wurden die Leute, die die Stones unbedingt auch live sehen wollten, so zahlreich, dass ihnen gar nichts anderes übrig blieb. Im Rahmen dieser schon sehr früh einer später erst erfundenen "Ökonomie der Aufmerksamkeit"geschuldeten Notwendigkeit kommen heute auch wir noch in den Genuss von Langos-Gestank, Leuchtwürsten, warmem Bier aus Plastikbechern und Staus vor Pixie-Klos. Ja, Himmel, ich kann doch auch nichts dafür!

P.S.: Mick Jagger hat bekanntlich eine teure Scheidung hinter und sein Rententeil vor sich. Soll er etwa wie ein derzeit etwas umstrittener ehemaliger heimischer Bankdirektor im Container wohnen?! Eben.

6. Schuhe. Schuhe?!
Der Spiegel interviewte in den 90ern Keith Richards. Fragesteller, sinngemäß: "Ihre Schuhbänder sind offen." Keith Richards, erstaunt: "Oh, jemand scheint sie nicht gebunden zu haben."Rock'n'Roll und zügelloses, wildes Leben: Keith Richards bindet sich für uns die Schuhe nicht. Smells like Teen Spirit!

7. Das 1972 veröffentlichte Album Exile On Main Street.
Kenner sprechen vom besten Rockalbum aller Zeiten. Danach ist auf diesem Sektor nichts Besseres mehr nachgekommen. Schade, aber toll!

8. Solidarität.
Wenn Sie am Freitag im Stadion stehen und Ihnen zum Beispiel bei neueren Liedern wie Streets Of Loveetwas langweilig wird: Achten Sie auf den Großleinwänden auf Einblendungen des Schlagzeugers Charlie Watts. Augen- und Mundwinkel flüchten in entgegengesetzte Richtungen. Ja, Herrschaftszeiten, ihm ist auch fad!

9. Überhaupt: Mundwinkel.
Wenn Mick Jagger seine Lippen schürzt und er nicht gerade beim Singen die ihm bekannt gegebene Anzahl der Kaufkarten mit den tatsächlich im Stadion anwesenden Personen vergleicht: aber hallo! Da steckt immer noch ein kleiner Lauser hinter all den Falten. kleine Lauser sind immer hungrig. "It's only Rock'n'Roll, but I like it!"

10. Die Sache mit der Kokosnuss.
Die letzte Tour musste verschoben werden, weil Keith Richards in seiner Privatbibliothek von einer Leiter fiel (Whiskyversteck?). Jetzt war es im Urlaub beim Kokosnussjagen eine Palme. Sir Mick Jagger was not amused. Seien wir uns ehrlich, wir alle lieben es, wenn Keith dem Mick eins auswischt. (Christian Schachinger / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13.7.2006)

Die Playlist vom Tourneestart
1. Jumpin Jack Flash
2. It's Only Rock 'n'Roll
3. Oh Not You Again
4. Let's Spend The Night Together
5. Tumbling Dice
6. Streets Of Love
7. Con Le Mie Lacrime (As Tears Go By)
8. Midnight Rambler
9. Night Time (Is The Right Time)
10. Before They Make Me Run
11. Slipping Away
12. Miss You
Kleine Bühne:
13. Rough Justice
14. Under My Thumb
15. Honky Tonk Women
Hauptbühne:
16. Sympathy For The Devil
17. Start Me Up
18. Brown Sugar
19. You Can't Always Get What You Want
20. Satisfaction
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    Mick Jagger am Dienstag beim verspäteten Start ihrer aktuellen Europatournee im Mailänder San-Siro-Stadion: Offensichtlich befinden sich die Herrschaften in Kämpferlaune

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