"Steilvorlage für Österreich"

12. Juli 2006, 18:47
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Um von der EM zu profitieren, müssten Angebotspakete geschnürt werden. Fußball allein sei zu wenig, sagt Zukunftsforscher Günther Strobl im STANDARD-Interview

Standard: Hunderttausende Fußballfans werden sich im Sommer 2008 auf den Weg nach Österreich machen -eine Chance für die heimische Tourismuswirtschaft?
Reiter: Selbstverständlich. Jedes Ereignis, noch dazu in der Größenordnung einer Fußball-EM, erregt Aufmerksamkeit. Ich bin aber überzeugt, dass Österreich von einem Ereignis wie dem Mozartjahr nachhaltig mehr profitiert als von einer Fußball-EM.

Standard: Wie das?
Reiter: Österreich ist ein Land der Musik, da haben wir Kompetenz. Auch beim Skifahren wissen wir, was Sache ist. Als Fußballland aber sind wir schlicht nicht glaubwürdig.

Standard: Was hat das mit den Fans zu tun, die hauptsächlich an guten Spielen interessiert sind?
Reiter: Es geht auch um das Image. Und das ist bei Fußball in Österreich nicht besonders. Unsere Spielstätten sind im Vergleich zu dem, was wir in Deutschland gesehen haben, Pimperlstadien - das Happel-Stadion in Wien einmal ausgenommen. Die Schweiz schlägt uns mit dem architektonisch gelungenen Stadion in Basel allemal. Und selbst fußballerisch hat uns die Schweiz einiges voraus.

Standard: Was muss geschehen, damit die EM für Österreich dennoch ein Erfolg wird?
Reiter: Bei der Fußball-WM in Deutschland hat es einen Paradigmenwechsel gegeben. Erstmals war nicht so entscheidend, was sich in den Stadien selbst abgespielt hat, sondern was drumherum passiert ist. Statt zuhause fernzusehen, sind die Leute auf die Plätze geströmt. Das Gemeinschaftserlebnis beim Public Viewing war so stark, dass Leute zum Teil ihre Tickets verkauft und sich die Spiele auf Großbildschirmen angeschaut haben. Das ist eine Steilvorlage für Österreich.

Standard: Will heißen?
Reiter: Dass Gesamtpackages geschnürt werden müssen mit Gastronomie- und Erlebnisangeboten inklusive Clubbings für die jungen Leute.

Standard: Wie schätzen Sie den Werbeeffekt ein?
Reiter: Der ist naturgemäß geringer als bei einer WM, aber dennoch groß. Allerdings wäre Österreich gut beraten, sich touristisch breiter aufzustellen und vor allem auch Gäste von außerhalb Europas anzusprechen. Das wäre mit einer WM möglich. Mit einer Europameisterschaft geht das wegen des geringeren internationalen Echos nicht. (Mit Andreas Reiter sprach Günther Strobl - DER STANDARD PRINTAUSGABE 13.7. 2006)

Zur Person

Der Zukunftsforscher Andreas Reiter (47) hat 1996 das ZTB Zukunftsbüro in Wien gegründet. Der aus Tirol stammende Soziologe lehrt an diversen Fachhochschulen.

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