Ende der Fahnenstange

12. Juli 2006, 18:35
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Die Zeit des Erwachens aus den WM-Träumen ist für die Deutschen früher als erwartet angebrochen - ein Kommentar

Alles Beknien von Franz Beckenbauer auf- und abwärts hat nichts genützt - Jürgen Klinsmann will nicht mehr Bundestrainer sein. Seinem vom engsten Berater zum Nachfolger aufgestiegenen Freund Joachim Löw werde er Tipps geben, das war's dann aber.

Klinsmanns Rückzug nach Platz drei bei der Heim-WM kommt nicht unerwartet. Die letzten fünf Wochen waren nicht typisch für seine Amtszeit. Davor, praktisch seit seinem Antreten im Juli 2004, hatte er sich gegen An- und oft auch gegen Untergriffe zu wehren. Der Großteil derer, die sich jetzt eine Zukunft ohne Klinsmann gar nicht vorstellen wollen, haben in der Vergangenheit nur auf sein Scheitern gewartet. Der Ex-Internationale hat sein Programm konsequent durchgezogen und dabei viele Verwundete, Brüskierte auf dem Weg zurückgelassen. Klinsmann weiß, dass selbst sein Kredit begrenzt ist.

Die bewegenden Abschiedsworte des bald 42-Jährigen haben auch bewiesen, dass Klinsmann an die Grenzen seiner psychischen Leistungsfähigkeit gegangen ist. Sein Dauerlächeln, das Bild dazu veranlasst hatte, ihn als "Grinsi-Klinsi"zu verunglimpfen, war oft Maske. Eine Maske, die auch dabei geholfen hat, den Tod seines Vaters im März vergangenen Jahres zu verkraften. Er fühle sich ausgebrannt, wolle heim, sagte Klinsmann am Mittwoch. Gattin Debbie ist seine wichtigste Beraterin, das ehemalige Model stand dem Engagement ihres Mannes von Anfang an skeptisch gegenüber. Die heftige Kritik am Pendeln des Bundestrainers zwischen Deutschland und seinem Wohnort Newport Beach bei Los Angeles kann sie in ihrer Haltung nur bestätigt haben. Klinsmann hat seine Mission erfüllt. Jetzt ist er in jeder Beziehung am Ende der Fahnenstange angelangt. (Sigi Lützow - DER STANDARD PRINTAUSGABE 13.7. 2006)

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