Mit Liebesperlen auf Gelsenjagd

19. Juli 2006, 12:28
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Nicht jedes Blut schmeckt den Saugern, was Forschern als Hinweis zur Entwicklung neuer Antigelsenmittel dient

Wien - Unzählige Antigelsenmittel hat die Welt schon gesehen, und genauso viele sind wieder aus den Regalen der Drogerien verschwunden. Zu ineffektiv schützten ätherische Öle oder Ultraschallgeräte vor den sommerlichen Plagegeistern und schadeten als Verdampfer für die Steckdose auch noch dem Menschen selbst.

Chemische Substanzen wie das weltweit am meisten als Insektenschutzmittel eingesetzte Diethyltoluamid (DEET) können Hautreizungen verursachen. Forscher suchen daher nach neuen, effektiveren und unbedenklichen Mitteln.

Dabei wäre es manchmal ganz nützlich, auf alte Hausmittel zurückzugreifen. Schon seit Generationen schützen Farmer im US-Bundesstaat Mississippi sich selbst und ihre Pferde vor Bremsen und Zecken, indem sie frische Blätter des Liebesperlenstrauches in der Hand zerreiben und sich anschließend mit dem austretenden Saft die Haut einreiben.

Der Botaniker Charles Bryson vom Agricultural Research Service in Stoneville, Mississippi, erhielt den Tip von seinem Großvater. Zusammen mit Kollegen, dem Chemiker Charles Cantrell und dem Entomologen Jerry Klun vom National Center for Natural Products Research der Universität von Mississippi, haben sich die Forscher nun ein Jahr lang mit der unter dem wissenschaftlichen Namen Callicarpa Americana geführten Pflanze beschäftigt.

Ameise, Gelse, Zecke

In Tests mit Ameisen, Gelsen und Zecken konnten sie die abschreckende Wirkung der Pflanzenextrakte bestätigen und analysierten schließlich deren chemische Zusammensetzung. Sie fanden heraus, dass besonders drei Subtanzen die Insekten Reißaus nehmen lassen und nannten sie Callicarpenal, Intermedeol oder Spathlenol.

Tests mit der Gelbfiebermücke (Aedes aegypti), die im asiatischen Raum Malaria überträgt, zeigten, dass besonders Callicarpenal auf Gelsen eine genauso effektiv abschreckende Wirkung besitzt wie DEET, so Bryson. Er hat jetzt die Substanz zum Patent angemeldet, um daraus ein kommerzielles Insektenschutzmittel herzustellen, wenn die toxischen Versuche am Menschen positiv verlaufen.

Einen anderen Weg gehen britische Wissenschafter um James Logan von der University of Aberdeen und John Pi- cket vom Forschungsinstitut Rothamsted Research. Sie haben untersucht, warum manche Menschen Gelsen magisch anziehen und andere von ihnen verschont bleiben. Logan vermutet den Grund in der Zusammensetzung des Duftcocktails, den jeder Mensch individuell produziert und darin, dass einige Duftstoffe in höheren Konzentrationen für Gelsen unangenehm sind oder die sie anlockenden Düfte wie Milchsäure überdecken.

Die Forscher bauten eine Y-förmige Röhre, an deren doppeltem Ende jeweils zwei unterschiedliche Probanden ihre Hände hineinhielten, und ließen am anderen Ende der Röhre Gelsen hinein. Von den gemiedenen Versuchspersonen analysierten sie in ei- nem Gaschromatografen den Schweiß und überprüften anschließend mit Elektroden an den Fühlern der Gelsen jene Duftstoffe, auf die sie besonders abweisend reagierten.

Die Namen der in größeren Mengen leicht fruchtig riechenden und später auch von Pflanzen produzierbaren Substanzen wollen die Forscher aus Patentgründen noch nicht nennen. Tests mit der Gelbfiebermücke und Gelsen der Westküste Schottlands zeigten eine vergleichbar effektive Wirkung wie DEET, allerdings ohne die unangenehmen Nebenwirkungen, da es sich um körpereigene Substanzen handelt, die zum Teil sogar als Lebensmittelzusatz bereits verwendet werden. (Andreas Grote/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13. 7. 2006)

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    Frau Gelse, auf frischer Tat ertappt. Vielleicht zum letzten Mal in diesem Sommer. Ein altes Hausmittel von Farmern aus dem US-Bundesstaat Mississippi soll Abhilfe schaffen.

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