Marjan, der Ortstafel-Sturm

14. Juli 2006, 13:54
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Marjan Sturm brachte den Kompromiss dann doch nicht nach Hause.

Er wollte den Kompromiss unbedingt, auch auf die Gefahr hin, von seinen Landsleuten dafür geprügelt zu werden. Marjan Sturm, Obmann des eigentlich linksgerichteten Zentralverbandes, hat alles getan, um über seinen Schatten – genauer: den seiner Organisation – zu springen. Offensichtlich hat es nicht gereicht, und der 1951 in Klagenfurt geborene Historiker wird wohl als der Slowenenvertreter in die Geschichte eingehen, dem der große Wurf, den insgeheim auch seine Landsleute erhofft haben, beinahe gelungen wäre.

Aber eben nur beinahe. Ob er im Herbst wieder zur Wahl des Obmannes in seinem Zentralverband antreten wird, steht in den Sternen. Im ersten Zorn hatte Sturm am Dienstag seinen Rücktritt angeboten, als die Mitglieder des Verbandes den letzten Kompromissvorschlag, den er im Schweiße seines Angesichts ausverhandelt hatte, mit 27 zu drei Stimmen ablehnten. Wie weit der Weg ist, den Sturm bis zu diesem Zeitpunkt zurückgelegt hat, können nur diejenigen ganz ermessen, die seine persönliche Geschichte kennen. In eine slowenische Familie geboren, die unter den Nazis schlimmster Verfolgung ausgesetzt war, wurde der junge Marjan zur Zeit des Ortstafelsturms politisch sozialisiert. Als junger Mittelschüler gehörte er zur ersten Generation junger slowenischer Studenten, die sich der Assimilationspolitik der Kärntner Landeregierung mit Wort und Tat entgegensetzten. Auf die Demolierung der Ortstafeln reagierten sie mit Schmieraktionen, in denen sie die Umsetzung des Artikels 7 aus dem Staatsvertrag forderten – was von den lokalen Medien prompt mit Hochverrat gleichgesetzt wurde. Möglich, dass die eine oder andere Keilerei zum damals gepflegten Ton der Auseinandersetzung gehörte, jedenfalls hatte der "rote Marjan" rasch den Ruf eines Rabauken weg.

Das änderte sich mit den Jahren, und Sturm betrieb nach der Öffnung des streng linksdogmatischen Zentralverbandes immer intensiver den Ausgleich auch mit jenen, die ihm in den 70er-Jahren die Hand nur als Faust aufs Auge gegeben hätten. Beharrlich suchte er Heimatdienst-Chef Josef Feldner die Ängste vor einer drohenden Unterwanderung Kärntens durch "Groß-slowenien" auszureden, und zur allgemeinen Überraschung stieß er damit mit der Zeit auf Gehör. Der nun abgelehnte Kompromissvorschlag geht zu einem guten Teil auf die simple Tatsache zurück, dass Feldner und Sturm zuei_nander gefunden haben, ohne dass der eine dem anderen den Kopf abgerissen hätte. Das ist für Kärntner Verhältnisse eine beachtliche Leistung.

Die wird dem geschiedenen Vater einer erwachsenen Tochter und Juristin niemand streitig machen. Möglicherweise wird er bald genug Zeit haben, seinem Hobby, der Jagd, intensiver nachzugehen. (Samo Kobenter /DER STANDARD, Printausgabe, 13.7.2006)

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    foto: eggenberger
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