"Meinung wird sich gegen Pakistan richten"

3. August 2006, 15:05
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Nach den Anschlägen in Bombay drohen Ausschreitungen zwischen Hindus und Muslimen, sagt der Indien-Experte Christian Wagner im STANDARD-Interview

STANDARD: Mehrere Gruppen werden verdächtigt, die Anschläge in Bombay verübt zu haben. Was denken Sie, wer hinter den Attentaten steckt?

Wagner: In der indischen Presse werden die üblichen Verdächtigen genannt: Die Lashkar- E -Taiba und die islamische Studentenbewegung Simi, also Gruppen, die in Verbindung zum Kaschmir-Konflikt stehen. Lashkar-E-Taiba hat bereits in der Vergangenheit mit ähnlichen Anschlägen für großes Aufsehen gesorgt. Und man wusste, dass wieder irgendein Anschlag kommen wird. Man wusste nur nicht, wo und wann.

STANDARD: Die Al-Kaida ist also nicht verantwortlich?

Wagner: Die Al-Kaida schließe ich aus. Die Gruppe Lashkar-E-Taiba hatte aber Verbindungen zur Al-Kaida. Vor allem in den 90er-Jahren, als beide Bewegungen in Afghanistan kämpften. Der pakistanische Geheimdienst hat dann die Lashkar-E-Taiba in den indischen Teil Kaschmirs gebracht, um sie dort gegen Indien kämpfen zu lassen. Wen ich auch ausschließen kann, sind die maoistischen Gruppen, die in Indien gegen die oberen Kasten kämpfen. Die überfallen vielleicht Züge, sind aber bisher nicht durch solche Anschläge aufgefallen.

STANDARD: Was wollten die Attentäter erreichen?

Wagner: Die Absicht der Täter könnte gewesen sein, den Verhandlungsprozess zwischen Indien und Pakistan zu stoppen und die Beziehung zwischen Hindus und Muslimen in Indien zu destabilisieren. Gerade in Bombay gab es in der Vergangenheit eine Reihe von Ausschreitungen zwischen den beiden Religionsgruppen. Erst am Wochenende gab es gewaltsame Demonstrationen der Shiv Sena (der Armee Shivas, Anm.), einer militanten Hindu-Partei. Die Attentäter wollten vielleicht gezielte Racheakte militanter Hindus provozieren.

STANDARD: Gefährden die Anschläge die Annäherung zwischen Indien und Pakistan?

Wagner: Ich glaube nicht. Allerdings wird sich die öffentliche Meinung in Indien sehr stark gegen Pakistan richten, weil für viele Inder ganz klar ist: Diese Anschläge werden indirekt durch Pakistan geduldet beziehungsweise Pakistan bekämpft diese Gruppen nicht so, wie es notwendig wäre.

STANDARD: Glauben Sie, dass Pakistan etwas mit den Anschlägen zu tun hat?

Wagner: Pakistan distanzierte sich rasch von den Anschlägen. Aber man kann nicht ausschließen, dass Teile des pakistanischen Geheimdienstes Gruppen unterstützen, die für einen Anschluss Kashmirs an Pakistan kämpfen. Dieses Phänomen gibt es auch an der Grenze zu Afghanistan: Auch dort distanziert sich Islamabad von Anschlägen, aber auf den unteren Ebenen gibt es da doch Verbindungen. (András Szigetvari, DER STANDARD, Print, 13.7.2006)

  • Zur Person:
Christian Wagner ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik mit Schwerpunkt Indien.
    foto: standard

    Zur Person:

    Christian Wagner ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik mit Schwerpunkt Indien.

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