Prekäre Arbeit verhindert längerfristige Lebensplanung

13. Juli 2006, 12:48
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Deutsche Studie analysiert erschreckende Auswirkungen der Prekarisierung in der Arbeitswelt

Die jüngste Arbeitsmarktstatistik weist für Österreich einen Rekordwert an Teilzeitbeschäftigungen aus (22,5 Prozent). Konstant hoch bleibt der Frauenanteil in Teilzeitjobs mit über 83 Prozent. Damit verbunden sind vielfach mangelnde Existenzabsicherung, mangelnde Aufstiegsmöglichkeiten und eine erhöhte Armutsbedrohung. Ähnlich ist die Situation in Deutschland, wo dieser Tage die Studie "Prekäre Arbeit" der Friedrich-Ebert-Stiftung veröffentlicht wurde, wie das Wirtschaftsmagazin "brand eins" in seiner aktuellen Ausgabe berichtet.

Die Studie analysiert unter anderem: Prekarisierung in der Arbeitswelt, Auswirkungen auf Migranten und Migrantinnen, Politik und Rechtspopulismus, die subjektive Verarbeitung durch Teilzeitbeschäftigte und mögliche Handlungsoptionen. Mit der Untersuchung, deren Ergebnisse durchaus auch auf Österreich umgelegt werden können, wollen die AutorInnen Ulrich Brinkmann, Klaus Dörre, Silke Röbenack, Klaus Kraemer und Frederic Speidel zur Diskussion rund um unsichere Beschäftigungsverhältnisse anregen. Im Folgenden einige Ergebnisse.

Definition

In der Regel ist Erwerbsarbeit dann prekär, "wenn der Lohn deutlich unter dem Durchschnittseinkommen liegt, keine zuverlässige Zukunftsplanung für den einzelnen möglich ist und Arbeitnehmerschutzrechte reduziert sind". Problematisch wird Teilzeitarbeit für all jene, "die nach einer Vollzeitbeschäftigung streben, weil Einkommen und Versorgungsansprüche aus Teilzeitarbeit keine eigenständige Existenzsicherung zulassen".

Partizipation

Die Studie bestätigt, "was die feministische und Gender-Forschung seit langem thematisiert. Nicht-Norm-Beschäftigungsverhältnisse sind vor allem eine Domäne von Frauen." Den überwiegenden Frauenanteil bei Teilzeitbeschäftigungen (82 Prozent im Westen und 79 Prozent im Osten) - die im übrigen vermehrt im Dienstleistungsbereich zu finden sind - führen die AutorInnen für Westdeutschland auf die "fehlenden bedarfsgerechten Kinderbetreuungsangebote" zurück.

Zudem weisen die analysierten Daten darauf hin, "dass Frauen länger in Teilzeit arbeiten. Teilzeitbeschäftigung fördert somit zwar die Partizipationschancen von Frauen am Arbeitsmarkt allgemein, die Übergangswahrscheinlichkeit in eine Vollzeitstelle jedoch liegt bei ihnen niedriger als bei Männern." So leben 79 Prozent der weiblichen Teilzeitkräfte in Ostdeutschland hauptsächlich von ihrem Einkommen, 53 Prozent von ihnen würden jedoch gerne Vollzeit arbeiten.

Risiken

Mit einer prekären Beschäftigung sind (länger bekannte) Risiken verbunden wie zum Beispiel mangelnde Sprungoptionen in bessere Verdienstpositionen und ein erhöhtes Armutsrisiko, welches vermehrt Frauen betrifft. Zum "weiblichen Gesicht" potenzieller Armut: "Insgesamt 45 Prozent aller Arbeitnehmerinnen verfügen über weniger als 75 Prozent des Durchschnittseinkommens. Gerade mit Blick auf Frauen muss man vielfach von 'prekärem', weil an spezifische soziale Voraussetzungen (stabile Partnerschaften) gebundenem Wohlstand sprechen."

Migranten und Migrantinnen sind "von der Verdrängung sozialversicherungspflichtiger, halbwegs gut entlohnter Beschäftigung in stärkerem Maße betroffen als Deutsche."

Lebensplanung

Wie aber empfinden Teilzeitbeschäftigte ihre eigene Situation? Dazu stellt die Studie als "zentralen Mangel" fest, dass alle prekär Beschäftigten mehr oder minder beklagen, "im Vergleich zu den Stammbeschäftigten über weitaus geringere Möglichkeiten zu verfügen, eine längerfristige Lebensplanung zu entwickeln".

Zudem sorgten Prekarisierung und hohe Arbeitslosigkeit dafür, "dass sich qualitative Arbeitsansprüche in Betrieben und Verwaltungen kaum noch Geltung verschaffen können. Wenn die Existenz unsicher geworden ist, treten 'Entfernung zur Arbeit, Monotonie oder schlechte Behandlung' als Gründe für Unzufriedenheit 'subjektiv in den Hintergrund'."

Konkurrenz

Was die Feminisierung atypischer Beschäftigungsformen betrifft, wird festgestellt: "Frauen in atypischen Beschäftigungsverhältnissen sehen sich, etwa im Einzelhandel oder im Reinigungsgewerbe, zunehmend mit männlicher Konkurrenz konfrontiert. Aus der männlichen Perspektive bedeutet dieses Konkurrenzverhältnis Einmündung in 'feminisierte' Strukturen des Arbeitsmarktes. Eine derart erzwungene 'Feminisierung' provoziert – wie gezeigt – im sozialen Nahbereich eine Vielzahl symbolischer Kämpfe und Grenzziehungen."

Auswege

Abschließend plädieren die AutorInnen der Studie, dass sich Politik und Gewerkschaften der Problematik annehmen müssen. "Ziel muss es sein, flexible Arbeitsformen nicht zu verhindern, sondern ihnen nach und nach ihren prekären Charakter zu nehmen. Einen wichtigen Ansatzpunkt könnte hier die französische Debatte um die Schaffung eines gesellschaftlichen Aktivitätsstatus bieten. (...) Durchgesetzte Geschlechterdemokratie z.B. würde bedeuten, dass Arbeitsumverteilung leichter möglich wird, weil beide Lebenspartner über ein Existenz sicherndes Einkommen verfügen. (...) Die Durchsetzung eines solchen Aktivitätsstatus müsste als ein europäisches Projekt angegangen werden." (red)

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    Prekäre Arbeit ist vor allem eine Domäne von Frauen.
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