Israel marschiert im Südlibanon ein

13. Juli 2006, 12:19
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Luftangriffe gegen Hisbollah - Hamas-Militärchef verletzt - Erster derartiger Vorstoß seit Mai 2000

Mit einer kaum verhohlenen Kriegsdrohung gegen den Libanon reagierte Israels Premier Ehud Olmert am Mittwoch, nachdem klar wurde, dass zwei weitere israelische Soldaten entführt worden sind. Mit einer sorgfältig geplanten Aktion war es der libanesischen Hisbollah-Miliz zuvor gelungen, zwei israelische Soldaten über die Grenze zu verschleppen.

Kurz darauf drangen israelische Bodentruppen, die aus der Luft und vom Wasser her unterstützt wurden, in den Südlibanon ein. "Die Ereignisse von heute früh sind kein Terrorangriff, sondern die Aktion eines souveränen Staates, der Israel ohne Grund und ohne Provokation angegriffen hat", sagte Olmert. "Die libanesische Regierung, zu der die Hisbollah gehört, versucht, die regionale Stabilität zu erschüttern - der Libanon ist verantwortlich und wird die Folgen seiner Handlungen tragen." Die Armee begann mit einer Teilmobilisierung der Reserve, und für den Abend berief Olmert eine Sondersitzung der Regierung ein.

Ablenkungsmanöver

Die Eskalation begann Mittwoch früh, als die Hisbollah Katjuscha-Raketen und Artilleriegranaten auf einen israelischen Grenzort und auf Armeestellungen abfeuerte, wobei elf Zivilisten und Soldaten verletzt wurden. Doch was wie einer der üblichen kleinen Angriffe aussah, diente offenbar nur der Ablenkung: Denn zugleich griffen die Schiiten in einem anderen Grenzabschnitt zwei israelische "Hummer"-Fahrzeuge an. Dabei wurden mehrere israelische Soldaten verletzt und zwei weitere in den Libanon verschleppt. Israel antwortete mit heftigem Artilleriefeuer und mit Luftangriffen auf Hisbollah-Stellungen, Brücken, Straßen und Elektrizitätswerke im Südlibanon, wobei mindestens zwei Zivilisten getötet wurden.

Danach überschritten auch Bodentruppen die Grenze - es war der erste derartige Vorstoß seit dem Rückzug Israels aus dem Libanon im Mai 2000. In der ersten Phase waren die Israelis bemüht, die entführten Soldaten zu finden, ehe sie tiefer ins Innere des Libanon gebracht werden könnten. Hisbollah-Sympathisanten in Beirut und Palästinenser im südlibanesischen Flüchtlingslager Ein-el-Hilweh jubelten über den "Erfolg".

Die Hisbollah will die entführten Soldaten gegen Häftlinge in israelischen Gefängnissen austauschen: "Es gibt tausende arabische Gefangene. Das ist der einzige Weg, um die Gefangenen aus den israelischen Gefängnissen zu befreien", sagte Schiitenführer Mohammed Hussein Fadlallah. Die Kämpfe im Norden überschatteten die Dauerkrise im Süden, wo israelische Truppen ins Zentrum des Gazastreifens vorstießen. In der Nacht griff ein Flugzeug ein Haus in Gaza-Stadt an, in dem eine Beratung von Hamas-Funktionären stattfand. Der als Terrorist gejagte Mohammed Deif, Chef des bewaffneten Hamas-Flügels, soll verletzt worden sein. Die Palästinenser meldeten bei dem Angriff neun Tote, darunter auch die sieben Kinder eines anderen gesuchten Hamas-Aktivisten. (Ben Segenreich aus Tel Aviv, DER STANDARD, Print, 13.7.2006)

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    Mit Artillerieangriffen bereitete die israelische Armee den Einmarsch in den Südlibanon vor, aus dem sie sich vor sechs Jahren zurückgezogen haben.

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