Jo Groebel im STANDARD-Interview: "Die Nervosität hat zugenommen"

30. August 2006, 14:01
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Politiker haben zunehmend Angst vor Ver­unglimpfungen - Medienwissenschafter erklärt, warum sich Kanzlerin Merkel nicht für die "Kartoffel-Satire" entschuldigen muss

STANDARD: Wurde die Satire in Deutschland bissiger oder wurden Politiker empfindlicher?

Groebel: Gerade "Titanic" hat ja im Laufe der Jahre sehr extreme Satiren veröffentlicht. Die Bilder glichen oft dem, was Manfred Deix in Österreich macht. Allerdings war Papier in Deutschland lange Zeit sehr geduldig. Doch in letzter Zeit hat die Nervosität zugenommen. Politiker haben zunehmend Angst, dass ein verunglimpfendes Bild, eine verächtliche Darstellung sich in der Bevölkerung festsetzt.

STANDARD: Andererseits hat etwa "Titanic" zum Beginn der Regierungszeit von Helmut Kohl viel dazu beigetragen, dass die Deutschen ihn besser kennen lernen.

Groebel: Kohl hat Darstellungen ertragen müssen, die meiner Meinung nach viel weiter gingen als der "Problembär" Beck. Nach dem Freitod seiner Frau Hannelore zeigte ihn Titanic als Jäger, der verschiedenste Persönlichkeiten auf dem Gewissen hat, darunter auch seine Frau.

STANDARD: Dennoch hat er "Titanic" nie geklagt. Hätte sich Beck daran orientieren sollen? Dann hätte es auch nie ein derartiges Medienecho gegeben.

Groebel: Mit den Klagen ist das zweischneidig. Einerseits belässt man den Sachverhalt dort, wo er nur wenigen bekannt ist, wenn man auf eine Klage verzichtet. Andererseits hat auch Beck das Recht zu sagen: Der Vergleich meiner Person mit einem Problembären, den man abknallen soll, entspricht nicht meiner Medienethik. Aber diese Diskussion zeigt sehr eindringlich, wie weit das Spannungsfeld zwischen Medienfreiheit und Menschenwürde ist.

STANDARD: Wo muss Satire in den Medien enden? Was ist nicht tolerierbar?

Groebel: Die Grenze ist da zu ziehen, wo ein Sachverhalt entsteht, der zu weitergehenden Aktionen führen könnte - wenn man dazu aufruft, jemandem Leid anzutun.

STANDARD: Polens neuer Regierungschef Jaroslaw Kaczyñski fordert von der deutschen Regierung "Schritte"gegen die "taz". Muss sich Kanzlerin Angela Merkel für die "Kartoffel-Satire" entschuldigen?

Groebel: Nein. In einem Land, in dem Pressefreiheit herrscht und in dem die Medien nicht am Gängelband der Regierung hängen, hat die Regierung kein Recht, auf Medien Einfluss zu nehmen. Aber sie könnte eine gewisse Distanzierung zu dem taz-Text zeigen. Das wäre in Dänemark, bei Erscheinen der Mohammed-Karikaturen, eine Lösung gewesen: sehr rasch klarzustellen, dass es nicht Aufgabe der Regierung ist, Medien zu korrigieren und sich für sie zu entschuldigen - und gleichzeitig eine gewisse Distanz zu den Cartoons zu wahren. (Birgit Baumann/DER STANDARD, Printausgabe, 12.7.2006)

Zur Person
Jo Groebel (56) ist Medienwissenschafter. Er lehrt in Amsterdam und Los Angeles. Seit März 2006 leitet er das Deutsche Digital Institut in Berlin, das sich mit dem Wandel der Medien befasst.

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tageszeitung (taz)

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    Medienwissenschafter Groebel: Kohl hat Darstellungen ertragen müssen, die meiner Meinung nach viel weiter gingen als der "Problembär" Beck.

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