Gegen den Strom schwimmen

18. Juli 2006, 20:13
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Wer hat den besseren Zugang zu Innovationen? Der Internet-Rechtsexperte Viktor Mayer-Schönberger verglich die USA und Europa

Wer hat den besseren Zugang zu Innovationen? Der österreichische Internet-Rechtsexperte Viktor Mayer-Schönberger verglich die USA und Europa, stellte fest, welche Rolle König Zufall hat, und forderte die Politik auf, mehr Risikobereitschaft zu vermitteln.

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Ende der Neunzigerjahre lancierte die Computerfirma Apple im Rahmen ihrer "Think different"-Kampagne einen Werbespot mit Aufnahmen u. a. von Albert Einstein, Gandhi, Maria Callas, Pablo Picasso: "Here's to the crazy ones - weil nur die die Welt verändern, die so verrückt sind zu glauben, dass sie es schaffen", lautete der Text dazu. Für Viktor Mayer-Schönberger, Professor für Internetrecht und -politik an der Kennedy School of Government der Harvard-Universität, ist dieser Spot bezeichnend für den Zugang zu Innovation in den USA.

Der Österreicher sprach auf einer von der Industriellenvereinigung veranstalteten Tagung über Innovation und Erfolgsfaktoren in den USA versus Europa. "Entrepreneure sind erfolgreich, weil sie sich nicht unterordnen", sagt der Jurist. In den USA sei es im Gegensatz zu Europa schon immer als Qualität gesehen worden, gegen den Strom zu schwimmen. Mayer-Schönberger bezieht sich auf den österreichischen Ökonomen Joseph Schumpeter.

Schumpeter verknüpfte die Bedeutung des Entrepreneurs, die ursprünglich nur in der des risikotragenden Unternehmers gesehen wurde, erstmals mit der Umsetzung von Innovation. Einige Thesen Mayer-Schönfelders zu Entrepreneurship und Innovation sind ernüchternd: zum Beispiel die Aussage, dass sich Innovation nie auf eine ganze Nation ausdehnen lasse. "Innovation tritt niemals gleichmäßig verteilt auf."

Regisseur Zufall

Auch im erfolgreichen Kalifornien konzentriere sich die Innovation auf den Süden von San Francisco. Warum sich ursprünglich allerdings gerade in diesem heute als Silicon Valley bezeichneten Gebiet die Computerindustrie ansiedelte, sei nicht auf handfeste Kriterien zurückzuführen.

"Letztlich war es wohl Zufall", glaubt Mayer-Schönberger. Heute ist Silicon Valley als Wirtschaftsmekka attraktiv, weil es dort ein funktionierendes Ökosystem gibt - von Dienstleistungen bis zu Straßencafés. "Innovation zieht weitere Innovation an", bringt es Mayer-Schönberger auf eine einfache Formel. Daher brauchen erfolgreiche Regionen auch keine weitere Förderung.

Ist nationale Innovationspolitik also obsolet? Mitnichten. Eine Region, die innovativ werden will, müsse sich vor allem des Risikos bewusst werden. Denn innovative Unternehmen könnten viel gewinnen, gingen aber ein sehr hohes Risiko ein. Dies müsse einerseits steuerlich berücksichtigt werden. Vor allem aber sei die Politik gefordert, den Bürgern mehr Risikobereitschaft zu vermitteln.

"Wir brauchen nicht unbedingt risikofreudigere Unternehmen, sondern eine risikobereitere Gesellschaft", sagt Mayer-Schönfelder. Es wäre wichtig, Diversität als Wert bereits Kindern und Jugendlichen zu vermitteln. Er bemängelt, dass es im europäischen Bildungssystem immer noch als Vorzug gelte, wenn sich jemand nahtlos in eine Gruppe einfüge. In den USA sei dies grundlegend anders. Von einer einheitlichen europäischen Innovationspolitik hält Mayer-Schönberger nichts. Auch das Vorbild Amerika habe keine homogene nationale Innovationspolitik.

Luke Georghiou, Professor für Wissenschafts- und Technologiepolitik an der Uni Manchester, plädiert dagegen für einen Gleichschritt Europas in der Forschungspolitik. Georghiou war Mitglied einer Expertenkommission, die in einer im Jänner veröffentlichten EU-Studie untersuchte, welche zusätzliche Anstrengungen im Bereich Forschung und Innovation notwendig seien, um das Lissabon-Ziel zu erreichen, die EU bis 2010 zum wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensbasierten Wirtschaftsraum der Welt zu machen.

Die Experten kamen zum Ergebnis, dass ein grundlegendes Umdenken in der europäischen Forschungspolitik notwendig sei. Vor allem das Schaffen innovationsfreundlicher Märkte, auf welche Unternehmen problemlos neue Produkte und Dienstleistungen bringen könnten, sei notwendig. Die seit Juli amtierende finnische Ratspräsidentschaft hat jüngst bereits einen Kurswechsel der bisherigen Innovationspolitik angekündigt. (Sabina Auckenthaler/DER STANDARD, Printausgabe, 12. Juli 2006)

  • Der aus Graz stammende Harvard-Professor Viktor Meyer-Schönberger hält wenig von einer vereinheitlichten europäischen Innovationspolitik. Auch in den USA sei eine derartige Politik nicht angewandt worden.
    foto: der standard/newald

    Der aus Graz stammende Harvard-Professor Viktor Meyer-Schönberger hält wenig von einer vereinheitlichten europäischen Innovationspolitik. Auch in den USA sei eine derartige Politik nicht angewandt worden.

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