Kreatives Spiel mit dem Abwasser

18. Juli 2006, 20:13
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Am Mittelmeer herrschen oft triste Verhältnisse beim Wasser­management - Elf Forschungsinstitute wollen das nun gemeinsam ändern

Jougar, eine ländliche Streusiedlung in Tunesien, etwa eine Autostunde von Tunis entfernt, erfüllt alle Voraussetzungen schlechten Wassermanagements. Die Gemeinde ist arm, die Arbeitslosigkeit hoch. Kanäle, wo es überhaupt welche gibt, werden nicht gewartet, laufen aus und erfüllen ihren Zweck nicht. Das Abwasser versickert irgendwo oder wird auf die Straße geleert. In der Landwirtschaft fehlt es dann.

Wegen Trinkwassermangels ist eine ausreichende Bewässerung der Felder nicht denkbar. "Dabei ist Jougar kein Wüstengebiet", sagt Karel Kriz, Leiter des EU-Projektes ZerO-M am Institut für Geografie und Regionalforschung in Wien. "Es gäbe im Prinzip genug Wasser, bloß wird es nicht optimal genutzt."

ZerO-M steht für "Zero Outflow Municipality" und bedeutet frei übersetzt: "Gemeinden ohne Abwasserausstoß." Es wird im Rahmen des "Regionalen EU-Mittelmeer-Programms für lokales Wassermanagement" von der EU unterstützt und von der ARGE für Erneuerbare Energien (AEE INTEC) in Gleisdorf koordiniert.

Gemeinsam mit den Österreichern arbeiten hier noch zehn andere Partner aus Europa und Nordafrika an einem Konzept für nachhaltiges Wassermanagement im Mittelmeerraum. Zielgebiete sind Gemeinden und Siedlungen, die an kein zentrales Abwassersystem angeschlossen sind und wo diese Infrastruktur wegen der Abgelegenheit dieser Gebiete in naher Zukunft auch nicht realisiert werden wird.

"Dennoch herrscht hier aber nicht die pure Abwasser-Anarchie", sagt Kriz. "Im Prinzip gibt es Umweltgesetze, Abwasserbehörden und - in gewissem Maße - auch ein öffentliches Bewusstsein, dass Wassermanagement eine sinnvolle Sache wäre."

Ein Werkzeug

Genau hier knüpft ZerO-M an. Ansprechpartner sind lokale Politiker, Behörden und Ingenieure, denen ein geeignetes Werkzeug zur Verfügung gestellt werden soll, um lokal angepasst, die geeignete Lösung der Abwasserproblematik zu finden.

Bei diesem Werkzeug handelt es sich um ein Softwareprogramm, das auf der Basis der realen Gegebenheiten die notwendigen Informationen über die Planung und Gestaltung der Bauten liefert. Zunächst werden dazu die Geodaten aufgenommen, indem sie beispielsweise mit GPS eingespielt oder aus Landkarten übernommen werden.

Dann werden diese geografischen Informationen mit Inhalt gefüllt: Es wird also eingetragen, wie viele Menschen in den Häusern wohnen und ob Kanäle, Senkgruben oder lokale Kläranlagen vorhanden sind. Auf Basis dieser Daten kann die konkrete Planung von Pflanzenkläranlagen oder kommunalen Bewässerungssystemen und der dafür notwendigen Infrastruktur beginnen.

Über Knopfdruck werden Alternativen vorgeschlagen, Rohrdurchmesser errechnet, die Kosten aufgeschlüsselt und die Vor- und Nachteile einzelner Technoligen gegeneinander abgewogen. "Die lokalen Entscheidungsträger können sich mit dem Tool spielen und die optimale Lösung für das jeweilige Umfeld finden", erklärt Kriz.

Damit die intellektuelle Anstrengung nicht ins Theoretische abdriftet, wird das Programm derzeit in diversen Projekten auf seine Praxistauglichkeit getestet und an die individuellen Ansprüche angepasst. Beispielsweise in Cirali, einem touristischen Gebiet an der Südküste der Türkei, im marokkanischen Sidi Kandouch oder eben im tunesischen Jougar.

Karel Kriz stellt mit seinen Kollegen Sybille Niederer und Alexander Pucher heute ab 14 Uhr im Hörsaal I der Universität Wien das Projekt vor. Insgesamt läuft der Geoinformationskongress GICON, an dem 350 Wissenschafter aus 35 Ländern teilnehmen, noch bis Freitag. Schwerpunktthemen sind Karten im Internet, Angewandte Kartografie, 3-D-Visualisierung sowie eine Virtual Map Exhibition im Internet, die die traditionelle Kartenausstellung ablöst. (Bert Ehgartner/DER STANDARD, Printausgabe, 12. Juli 2006)

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    Wassermanagement im Mittelmeerraum: Forscher wollen ein geeignetes Werkzeug zur Verfügung stellen, um Probleme angepasst an die jeweiligen Umweltbedingungen lösen zu können.

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